Kommentar: Wiedervereinigung und 99 entlaufene Schafe

Rafael LedschborRafael Ledschbor meint in den GKP-Informationen, dass die Wiedervereinigung vor 30 Jahren Hoffnung auch für die Zukunft der Kirche in unserem Land gibt.

Ein neues Zeitalter der Kirche hat begonnen. Das spürten wir im Osten vor 30 Jahren, das spüren wir im ganzen Land aber auch jetzt. Hoffnungsvoll sind wir in dem für uns damals endlich freien Deutschland in die Zukunft gezogen, kamen aber in der Realität an. Natürlich haben wir in den drei Jahrzehnten auch im Osten große Glaubensfeste feiern können, wenn ich nur an die beiden Katholikentage 1994 in Dresden und 2016 in Leipzig denke. Mit Unterstützung der Kirche in ganz Deutschland konnte in Leipzig die neue Propsteikirche gebaut werden, in und um die herum es ein reges Glaubensleben gibt.
Aber die Kirche in Deutschland ist lange nicht mehr die gleiche, wie wir sie noch vor 30 Jahren erlebt haben. Nicht nur die Aufdeckung des Missbrauchsskandals rüttelte die Kirche durch. Es hat sich vieles allmählich gewandelt. Die Zahl der Katholiken ist von 28,3 im Jahr 1990 auf 22,6 Millionen im vergangenen Jahr, aber auch die Zahl der Gottesdienstbesucher im gleichen Zeitraum von 6,19 auf 2,7 Millionen gesunken, von 21,8 auf 9,1 Prozent. Anders ausgedrückt: Für mehr als 90 Prozent der Katholiken in Deutschland ist die sonntägliche Gemeinschaft am Tisch des Herrn nicht relevant. Und niemand muss ein Prophet sein, um vorherzusagen, dass diese Zahl mit der Corona-Krise weiter steigen wird.
Wir als Kirche könnten uns bald für ein Nischendasein entscheiden, um jenen einen Platz zu bieten, die sich in dieser kleinen Gemeinschaft wohl und heimisch fühlen. Es könnte ähnlich sein, wie wir es in der DDR hatten, nur ohne jene Angst, die im damaligen politischen System ständig mitschwebte.
Wir als Kirche können aber auch jene rund 90 Prozent der Katholiken fragen, was sie davon abhält, sonntags zum Gottesdienst zu gehen, was für sie Glaubensleben bedeutet, warum sie der Kirche treu bleiben, obwohl sie mit ihr kaum noch Kontakt haben, warum es ihnen wichtig ist, dass ihre Kinder getauft werden, mit denen sie dann doch nicht regelmäßig die Kirche besuchen, aber die Erstkommunion feiern wollen, was sie über Gott, die Kirche und die Welt denken. Das ist zweifellos eine Mammutaufgabe. Denn uns ist nicht eines der hundert Schafe entlaufen, sondern fast 99. Suchen sollten wir jedes einzelne.
Wie sich vor 30 Jahren die Menschen von Ost und West vereinigen konnten, sollten wir heute danach schauen, wie sich die Katholiken wieder mit ihrer Kirche vereinigen können. Dabei wird es einen Lernprozess geben und das Eingeständnis notwendig sein, dass das Wort „katholisch“ wirklich an seiner Bedeutung „allumfassend“ zunimmt. Denn schon lange sind die Formen, an Gott zu glauben, vielfältiger geworden als der zählbare Gottesdienstbesuch am Sonntag.
Die Wiedervereinigung vor 30 Jahren gibt Hoffnung – auch für die Zukunft der Kirche in unserem Land. Denn ganz ehrlich, vor 35 oder 40 Jahren hat doch kaum jemand daran geglaubt, dass dies möglich sein könnte. Warum sollte es also bei einer Glaubensgemeinschaft nicht auch möglich sein? Das wäre ein echtes neues Zeitalter.
Rafael Ledschbor

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