Kommentar von Michaela Pilters: Triage für Gottesdienste

Ich habe ein schlechtes Gewissen. Unser Kaplan hat in der Osterwoche eine Messe gelesen und mich dazu eingeladen. Aus jeder Gemeinde der Pfarrgruppe durfte eine Person dabei sein, und die Wahl fiel auf mich als PGR-Vorstand. Zum einen habe ich mich richtig darüber gefreut – endlich kein Fernsehgottesdienst, kein Skype, wie habe ich es besonders über die Ostertage vermisst, in Gemeinschaft beten, singen und zur Kommunion gehen zu dürfen. Zum anderen bin ich beschämt. Denn ich kann darüber in der Gemeinde nicht reden, was für ein Privileg ich da nutzen durfte. Wäre es für die alte Frau Sauer nicht wichtiger gewesen, meine Stelle einzunehmen? Oder eines der Kommunionkinder? Triage für Gottesdienste? Eine furchtbare Vorstellung!

Corona mutet den Menschen gerade viel zu. Ich bin dankbar für unsere Politiker, die verantwortungsvoll mit der Krise umgehen und nicht wie andernorts daraus politisches Kapital schlagen wollen. Ich sehe die vielen, die Angehörige verlieren oder um ihre Existenz kämpfen. Die in viel zu kleinen Wohnungen Homeoffice machen und gleichzeitig ihre Kinder beschulen müssen. Die bis zur Erschöpfung in Krankenhäusern und Pflegeheimen arbeiten oder ihrem normalen Beruf unter der Gefahr der Ansteckung nachgehen. Darf man sich da beklagen über die Tatsache, dass spiritueller Hunger gerade nicht gestillt werden kann? Nein, darf man nicht. Man muss es ertragen wie die Kontaktsperre auch. Die digitale Welt hilft dabei: Unser Bibelkreis per Sprachkonferenz hat wunderbar funktioniert. Und es gab ungeheuer viele kreative Ideen deutschlandweit, wie kleine Zeichen der Verbundenheit gestaltet werden können - übrigens oft mehr von den Ehrenamtlichen als den auf ihre Privatgottesdienste fixierten Priestern.

Dennoch muss es erlaubt sein, darüber nachzudenken, ob die Kirchen in dieser besonderen Zeit nicht noch mehr tun müssten, um Trost zu spenden und ihre besondere Botschaft von Hoffnung und Auferstehung zu den Menschen zu bringen. Dafür zu kämpfen, dass SeelsorgerInnen weiter in Krankenhäuser dürfen, dass es mehr Gottesdienste gibt, in denen die Abstandsregeln eingehalten werden können. Dass Trauerfeiern auch über den engsten Kreis der Familie möglich sind. Die Solidarität und Verantwortung für die Gesamtgesellschaft rechtfertigt das Versammlungsverbot in den Kirchen, Synagogen und Moscheen. Die angekündigten Lockerungen fordern aber kreative Lösungen, wie der bleibende Mangel  zu verteilen ist.

Jede Krise ist auch eine Chance, das sagt man so. Die Chance für unsere Gemeinden liegt darin, sich bewusst zu werden, welchen Wert die Gemeinschaft für unseren Glauben darstellt. Er ist eben keine Privatsache. Und es gibt viele Möglichkeiten außerhalb des Gottesdienstraumes, ihn zu bezeugen, zu leben, zu teilen. Dafür braucht man aber auch eine Strategie für Kommunikation.

Am Ende habe ich mich damit getröstet, dass ich ja ein gewähltes Amt habe, die Gemeinde zu vertreten und somit stellvertretend für alle auch Eucharistie feiern darf. Es war schön und hat mir gut getan. Das schlechte Gewissen dabei bleibt jedoch.

Michaela Pilters

 

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