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Regionalgruppe Berlin zu Gast in der Barenboim-Said-Akademie

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Regionalgruppe Berlin zu Gast in der Barenboim-Said-Akademie

geschrieben von Karin Wollschläger

„Wenn jetzt jemand vorschlägt, ein neues Orchester mit jungen Musikern aus der Ukraine und aus Russland zu gründen, die zusammenspielen – ich glaube, viele würden sagen, das sei unmöglich. Kaum anders war es, als Daniel Barenboim und Edward Said 1999 das West-Eastern Divan Orchestra mit Musikern aus Israel, Palästina und anderen arabischen Ländern gründeten“, erklärte Tabaré Perlas, langjähriger Generalmanager des Orchesters. „Die beiden haben nicht gewartet, bis es einen Friedensvertrag gibt, um die Menschen dann zusammenzuführen. Es ist ein Projekt bewusst mitten in diesem seit Jahrzehnten andauernden Konflikt.“

Tabaré Perlas ist Generalmanager der Barenboim-Said-Akademie. (Foto: GKP-Regionalgruppe Berlin)
Tabaré Perlas ist Generalmanager der Barenboim-Said-Akademie. (Foto: GKP-Regionalgruppe Berlin)

Perlas, der im April zum Symphonieorchester des Bayrischen Rundfunks wechselt, berichtete der Berliner GKP-Regionalgruppe im November beim Besuch in der Akademie, wie sich aus dem Orchester-Projekt schließlich die Idee einer Musikhochschule, der Barenboim-Said-Akademie in Berlin, entwickelte, um noch mehr junge Musikerinnen und Musiker aus der Nahost-Region unterstützen und zusammenbringen zu können. Im kommenden Jahr feiert die Akademie, die an die Staatsoper angrenzt, ihr zehnjähriges Bestehen.

Derzeit gibt es 88 Studierende. Jährlich bewerben sich rund 300 Musiker, 30 werden genommen. Für den vierjährigen Bachelor-Studiengang gibt es ein Vollstipendium, zudem wird auch ein Master angeboten. Viele der Studierenden wohnen auch zusammen.

Eine weitere Besonderheit der Akademie: Zum Curriculum gehört nicht nur Musik, sondern auch Philosophie, Geschichte und Literatur. Das sei den Gründervätern wichtig gewesen, weil Musik mit so vielen Lebensthemen in Verbindung spiele und auch bei der Bildung von Menschen so eine elementare Rolle spiele, so Perlas.

Der Konflikt in ihrer Heimat bleibe eine Herausforderung für die jungen Musikerinnen und Musiker: „In unserem Orchester zu spielen oder auch hier zu studieren, erfordert sehr viel Mut von den jungen Menschen. Denn sie werden teilweise in ihren Heimatländern dafür kritisiert. Teilweise von der eigenen Familie. Wie kannst du hier nur mit Israelis studieren? Wie kannst du nur mit Palästinensern studieren? Wir haben auch Fälle gehabt, wo Musikerinnen, als sie zurückkehrten, von den Sicherheits-Services gefragt wurden, ob etwa Brainwashing bei dem Orchester betrieben werde.“ Es habe eine Musikerin aus dem Iran gegeben, die im Anschluss nach Amerika ausgewandert sei, weil sie das Gefühl gehabt habe, eine Rückkehr in den Iran könnte für sie schwierig sein.

Auf die Frage, wie es den Musikerinnen und Musikern seit dem Terroranschlag der Hamas vom 7. Oktober 2023 geht, antwortete Perlas: „Alle sind davon betroffen.“ Die Akademie versuche, die Studierenden in dieser besonderen Situation gut zu begleiten, und habe dazu auch anfangs eine Mediatorin hinzugezogen. „Wir bekamen dann von den Studierenden die Rückmeldung: Ihr könnt euch euer Geld und unsere Zeit sparen mit der Mediation, das machen wir eigentlich schon selber. Wir wollen lieber, dass ihr Menschen vermittelt, die uns was erzählen, sei es über die Geschichte unserer Region oder über Themen, die uns interessieren und die uns dann helfen, miteinander im Gespräch zu sein.“

„Man kann sich hier gar nicht aus dem Weg gehen, weil alles sehr familiär ist. Das gehört zur DNA dieser Institution: Ihr müsst euch miteinander auseinandersetzen. Ich will nicht sagen, dass es einfach ist. Aber es ist bewundernswert, wie diese MusikerInnen, diese jungen Menschen das schaffen“, sagte Perlas. „Wir können versuchen, das zu begleiten als Institution, aber am Ende machen die Arbeit die Musikerinnen und Musiker.“

Mitglieder der GKP-Regionalgruppe Berlin im Konzertsaal von Frank Gehry. (Foto: GKP-Regionalgruppe Berlin)
Mitglieder der GKP-Regionalgruppe Berlin im Konzertsaal von Frank Gehry. (Foto: GKP-Regionalgruppe Berlin)

Schließlich kam das Gespräch noch auf Richard Wagner – großer Komponist, aber eben auch Antisemit. Perlas erinnerte an ein Zitat Barenboims, der einmal zu dem Thema sagte: „Den Menschen Wagner, den Antisemiten, hätte ich nicht gerne kennenlernen wollen, aber auf seine Musik möchte ich nicht verzichten.“ Barenboim hatte 2001 beim Israel Festival in Jerusalem für eine größere Kontroverse gesorgt, als er erstmals Musik von Wagner – die Ouvertüre zu „Tristan und Isolde“ – in Israel aufführte. Im West-Eastern Divan Orchestra wird Wagner seit 2005 gespielt – auf ausdrücklichen Wunsch der Musiker, wie Perlas betonte. Allerdings sei es den Musikerinnen und Musikern freigestellt, ob sie bei den Wagner-Stücken mitmachen wollen.

Im Anschluss an das Gespräch mit Perlas bekam die GKP-Gruppe noch eine Führung durchs Haus und nahm im elliptischen Pierre-Boulez-Saal, entworfen vom Star-Architekten Frank Gehry, an einem wunderbaren Konzert mit Marie Seidler (Mezzosopran), Wolfram Rieger (Klavier) und Sindy Mohamed (Viola) teil.