Rechtsextremismus: ein gesamt-deutsches Problem. Kommentar von Nicole Stroth

Sieben Jahre lang habe ich in Halle (Saale) gelebt. Eine schöne Zeit meiner Jugend in einer Stadt, die ich als sehr alternativ und offen erlebt habe und immer noch so erlebe. Damals als „Wessi“ in den Osten gekommen, wurde ich sofort in den Klassenverbund aufgenommen. Ohne Vorurteile. Wenn überhaupt hätte ich Halle eher als links geprägt beschrieben, denn als rechts. Umso mehr hat mich die Nachricht des Anschlags am 09. Oktober 2019 schockiert.

Es ist furchtbar, was an diesem Tag geschehen ist. Zwei Menschen, 20 und 40 Jahre alt, wurden getötet. Die Angst der Gläubigen in der Synagoge kann ich mir als Außenstehende nur im Ansatz vorstellen. Doch wie wird von den Medien, der Politik, der Öffentlichkeit jetzt mit dieser Tat umgegangen?

Eine richtige Entscheidung war es schon einmal, dass das Live-Video des Täters später bei der Berichterstattung im Fernsehen nicht ausgestrahlt wurde. Eigentlich eine Selbstverständlichkeit, aber bei solchen Ereignissen bin ich mir nie hundertprozentig sicher, inwieweit medienethische Standards letztlich eingehalten werden. Geärgert habe ich mich dennoch über manch reißerische Überschrift wie zum Beispiel „Mörderische Jagd auf Juden“ in der BILD. Der Anschlag war schlimm genug. Man muss nicht versuchen, sprachlich noch eins „drauf zu setzen“. Eine neutrale Wortwahl zeigt das Unfassbare zur Genüge. Auch solche Floskeln wie „eine Stadt in Angst und Schrecken“ gehören für mich in den journalistischen Papierkorb verbannt.

Auch stört mich die oft schnell geäußerte Verbindung zur rechten Szene in den neuen Bundesländern als alleinige Erklärung. Punkt 1, aber das nur am Rande: Vielleicht sollte man nach 30 Jahren einmal den Terminus  „neue Bundesländer“ generell überdenken? Punkt 2: Ja, der Rechtsextremismus ist im Osten sehr stark ausgeprägt, keine Frage. Die Gründe dafür müssen an dieser Stelle nicht einzeln benannt werden. Aber dieser Anschlag hätte in jeder Stadt passieren können, denn nicht nur der Osten hat den Rechtsextremismus für sich gepachtet. Er ist ein gesamt-deutsches Problem. In der nördlichen Oberpfalz gibt es beispielsweise eine etablierte Neonazi-Szene und in Dortmund sogar einen ganzen „Nazi-Kiez“, eine westdeutsche Hochburg der Rechten. Wie kann es soweit kommen, dass solch ein Straßenzug entsteht und bleibt? Das macht mich sprachlos.

Die letzten Wochen und Monate haben durch viel zu viele Vorfälle in erschreckender Weise gezeigt, dass sich Rechtsextreme in Deutschland mittlerweile wieder trauen, sich frei zu äußern und gewaltbereit zu agieren. Ich wünsche mir daher von den Medien, dass diese Themen langfristig und umfangreich weiter verfolgt werden. Nicht nur anlassbezogen ein paar Tage. Und von der Politik wünsche ich mir weniger hohle Phrasen, eine wirkliche Stärkung strukturschwacher Regionen, konkretes Vorgehen gegen die rechte Szene bundesweit und ein klares Benennen der AfD als rechte Partei und als geistige Brandstifter.

Nicole Stroth

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