Kreative Ausbeutung

Christian KlenkParolen wie „Lufthansa am Boden“ und „Wut auf Streik-Piloten“ – der Arbeitskampf in der Luftfahrtbranche Anfang April füllte tagelang die Titelseiten der Zeitungen. ARD und ZDF informierten in Sondersendungen über „die Macht der Piloten“. Verglichen mit diesem Hype blieb ein anderer Streik von der Öffentlichkeit weitgehend unbeachtet. Ausgerechnet der Lohnkampf der Zeitungsredakteure fand nur in den Randspalten statt.
Zugegeben: Die Dimensionen sind nicht vergleichbar. Während die Cockpit-Piloten einen zehnprozentigen Aufschlag und weiterhin privilegierte Konditionen beim Vorruhestand verlangen, begnügt sich der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) nach der Ende April erfolgten Tarifeinigung mit vier Prozent mehr Gehalt in zwei Jahren – genau so viel hatten die Verleger von Beginn an angeboten. Zugleich wird aber beim Urlaubs- und Weihnachtsgeld gekürzt, bei Berufseinsteigern dazu bei den Urlaubstagen – unterm Strich also nicht wirklich eine Verbesserung für die Beschäftigten.
Im Streit um einen Kompromiss warnten beide Seiten, der Flächentarifvertrag sei in Gefahr, sollte eine Einigung scheitern. Eine steile These, denn einen flächendeckenden Lohntarif gibt es im Zeitungsjournalismus längst nicht mehr. Während sich altgediente Redakteure – zurecht – für bessere Bedingungen einsetzen, kann gerade der Nachwuchs von den Errungenschaften oft gar nicht profitieren. Immer mehr Redakteure werden mit kreativen Beschäftigungsmodellen ausgebeutet. Die Zeitungshäuser gliedern Ressorts oder Redaktionen aus und beschäftigen Leiharbeiter zu Dumpinglöhnen. Andere Verlage sagen sich komplett los von einer Bezahlung nach Tarif – die OT-Mitgliedschaft (ohne Tarifbindung) im Verlegerverband macht’s möglich. Eine Liste des DJV zählt mittlerweile über 100 Zeitungen, die auf unterschiedliche Weise Tarifflucht begehen.
Noch härter trifft es freie Mitarbeiter. Die Vergütungsregeln, die Gewerkschaften und Verlegerverbände ausgehandelt haben, sind oft nicht das Papier wert, auf dem die gedruckt sind. Dem Verleger eines Regionalblatts (mit OT-Status) habe ich einmal vorgerechnet, was Nachwuchsjournalisten bei seiner Zeitung verdienen, wenn sie einen Abendtermin belegen und darüber in 80 Zeilen (à elf Cent) und mit einem Foto (acht Euro) berichten. Geht man von drei Stunden Zeitaufwand aus, dann liegt der Stundenlohn von 5,60 Euro deutlich unter dem Mindestlohn in der Abfallwirtschaft (8,68 Euro). Der Verleger entgegnete mir, Journalistik-Studenten müssten doch froh sein, wenn sie bei einer Zeitung Erfahrungen sammeln könnten.
Wenn es lukrativer ist Altpapier zu entsorgen, als Zeitungen mit Inhalt zu füllen, dann hat das erhebliche Konsequenzen für den Journalismus. Niemand ergreift diesen Beruf, um reich zu werden. Werden die Konditionen aber noch schlechter, werden sich Begabte künftig anders orientieren. Die Gesellschaft braucht aber gute Journalisten. Daher sollte die Öffentlichkeit hinschauen, wenn es um die Arbeitsbedingungen im Journalismus geht. Den Verlegern müssen gute Inhalte wieder etwas wert sein – aber auch den Lesern.                            Christian Klenk

Hier finden Sie die Kommentarseite in den GKP-Informationen vom Mai 2014.

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