Kommentar zur römischen Pfarreien-Instruktion

Rom regelt die Pfarreien:
Etwas Klarsicht,
viel Betriebsblindheit

von Felix Neumann

Die Pfarrei muss „die Impulse der Zeit aufnehmen, um ihren Dienst an die Erfordernisse der Gläubigen und die geschichtlichen Veränderungen anzupassen“. Klingt gut. Ein echter Franziskus, oder jedenfalls in seinem Geiste.
Leider ist die am 20. Juli veröffentlichte Instruktion der Kleruskongregation „Die pastorale Umkehr der Pfarrgemeinde im Dienst an der missionarischen Sendung der Kirche“ nicht nur in den wolkigen pastoralen Girlanden, die sie umranden, ein echter Franziskus. Denn was die Instruktion – der Form nach kein pastorales Dokument, sondern eine kirchenrechtliche Verwaltungsverordnung – substantiell anordnet, ist der Abbruch jeder Vision von einer Erneuerung der Pfarreistrukturen hin zu Teilhabe und Mitverantwortung aller Gläubigen. Statt einem geschwisterlichen Miteinander des Volkes Gottes setzt die Kongregation das hierarchische Übereinander. Schon wenn der Pfarrer Mitglied eines Teams ist statt einem Gremium vorzusitzen, ist das für Rom eine empfindliche Störung der göttlichen Ordnung.
Das Pontifikat von Papst Franziskus war und ist mit viel Hoffnung auf Reformen, auf Aufbruch verbunden. Aber es ist ein Pontifikat der Ankündigungen geblieben. Denn eingetreten ist von den Hoffnungen kaum etwas – stattdessen viele Nebelkerzen: Das Diakonat der Frau? Prüfen wir, gleich doppelt – aber mit einer Studienkommission aus handverlesenen Gegnern der Weihe von Frauen. Homosexualität? „Wer bin ich, zu urteilen?“, fragte der Papst 2013, und 2016 schärft die Kleruskongregation ein, dass Homosexuelle nicht zu Priestern geweiht werden dürfen, weil sie angeblich keine korrekten Beziehungen zu Männern und Frauen aufbauen können. Heilsame Dezentralisierung? Ein großes Versprechen aus dem Apostolischen Schreiben Evangelii Gaudium – in der Praxis kassiert Rom Hochschulrektoren, Synodenergebnisse und, ganz aktuell, Pfarreireformen.
Besonders traurig an der aktuellen römischen Intervention ist die Kombination aus Klarsichtigkeit und Betriebsblindheit: Stellt sie zuerst noch fest, dass die territoriale Pfarreistruktur in einer Krise ist angesichts von Mobilität der Gläubigen und Digitalisierung, angesichts der Konservierung überlebter Sozialgestalt und Handlungsformen, zieht sie daraus nicht etwa den Schluss, auf diese Zeichen der Zeit produktiv zu reagieren. Stattdessen wird ein Priesterbild strukturell zementiert, das für die Gläubigen eine Geringschätzung und die Priester eine Überforderung bedeutet – was ausweislich des Dokuments die Pfarreien missionarisch öffnen soll, nimmt Priestern tatsächlich nur noch mehr Zeit für die Seelsorge zugunsten der Verwaltung.
War es je evangelisierend, wenn der Pfarrer statt der viel qualifizierteren ehrenamtlich engagierten Bankkauffrau dem Kirchenvorstand vorsteht? „Heilsame Dezentralisierung“ wäre von Nöten – eine Dezentralisierung, die Mut zum Experiment hat, mit einer Zentrale, die Mut hat, von den Peripherien zu lernen. Dann könnte das Pontifikat von Franziskus noch gelingen.
Felix Neumann

 

Druckversion

AddThis

|||||