Kommentar: Wecke die Emanze in Dir!

Sommer 2019. Mein Mann und ich besuchen einen Geburtsvorbereitungskurs. Muss man ja machen, gehört irgendwie dazu, denken wir. Immerhin erwarten wir Nachwuchs. Mit ein paar praktischen Hinweisen gehen wir anschließend wieder nach Hause – aber auch mit starkem Kopfschütteln. Da sitzen einem doch tatsächlich junge Frauen zwischen Mitte 20 und Anfang 30 gegenüber, die sich vor allem darum sorgen, dass der Partner das nötige Verständnis dafür aufbringt, dass sie gerade nicht komplett den Haushalt schmeißen können – mit großem Kugelbauch. Wohl gemerkt: Das ist nicht die Generation meiner Mutter oder Großmutter. Das sind werdende Mütter, jünger als ich.
Februar 2020. Unsere Zwillinge sind seit einigen Wochen auf der Welt und ich werde gefragt, ob ich die beiden guten Gewissens zwei Stunden mit meinem Mann allein lassen kann. Bei solchen Fragen bin ich kurz sprachlos. Sie sind für mich so fernab von meiner Lebenswelt, dass es mir schwer fällt, mein Gegenüber ernst zu nehmen und adäquat darauf zu antworten. Wir sind beide zum ersten Mal Eltern und tasten uns  gemeinsam an diese große Aufgabe heran. Warum sollte ich es besser können als er? Weil ich die Frau bin?
Solche Alltagssituationen lassen mich über das Frauenbild grübeln, das heute anscheinend immer noch bei vielen vorherrscht. Leider schlägt sich das ja nicht nur im Privaten, sondern auch im Beruf nieder. In kirchlich geprägten Arbeitsstrukturen habe ich schon des Öfteren die Erfahrung machen müssen, dass ein Mann im Anzug mehr zählt und eher wahrgenommen wird als eine qualifizierte Frau. Auch finde ich es verwunderlich, dass es in den 27 deutschen Bistümern nur drei Frauen als Pressesprecherinnen gibt – in Magdeburg, Passau und Trier. Wobei doch gerade die PR-Branche zu zwei Drittel weiblich besetzt ist, so das Ergebnis einer Untersuchung der Initiative Global Women in PR.
Ich habe mich nie als Emanze gesehen. Zumeist ist dieses Wort auch immer noch negativ besetzt. Wer im Duden nachschlägt, findet als Begriffsdefinition: „Frau, die sich bewusst emanzipiert gibt und die sich aktiv für die Emanzipation einsetzt“. Ich möchte dazu anregen, die Einschränkung „Frau“ zu streichen. Mein Aufruf lautet an alle: „Wecke die Emanze in Dir!“ Denn für die Gleichstellung kann und sollte sich jeder einsetzen. Es ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe – und für mich eine Selbstverständlichkeit, die jeden betrifft. Auch uns als GKP. So sollten wir als Verband beispielsweise mehr darauf achten, dass bei unseren Veranstaltungen ein ausgewogenes Verhältnis zwischen weiblichen und männlichen Referenten besteht.
Sie fragen sich jetzt vielleicht zu guter Letzt, was eigentlich der aktuelle Anlass für diesen Kommentar ist? Keiner – und doch so viele. Nehmen wir nur die momentane Corona-Krise, die vor allem Mütter unter immensen Druck setzt, Kinderbetreuung und Job gleichzeitig zu managen. Oder schauen Sie sich doch einfach einmal aufmerksam in Ihrem eigenen Umfeld um. Mit dem Blick einer Emanze. Und handeln Sie danach!
Nicole Stroth

 

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