Kommentar: Unsoziale Medien

Es klingt für manche merkwürdig, wenn die katholische Kirche seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil von den „sozialen Kommunikationsmitteln“ spricht und dabei die Massenmedien meint. Die instrumenta communicationis socialis, das sind jene „erstaunlichen Erfindungen der Technik, welche … nicht nur den einzelnen Menschen, sondern die Masse und die ganze menschliche Gesellschaft erreichen und beeinflussen können“, wie es im Konzilsdekret „Inter Mirifica“ von 1963 heißt. Damals waren die Medien noch weitgehend eine Einbahnstraße, auf der Journalisten und Publizisten als professionelle Sender ihre Nachrichten an das Publikums schickten.

Heute hat sich die Vokabel von den „sozialen“ Medien fest in unserem Sprachgebrauch verankert, seit es Netzwerke wie Twitter, Facebook und Co. gibt. Nun kann jeder selbst zum Sender werden, mehr und weniger Relevantes aus dem persönlichen Alltag berichten und das Zeitgeschehen kommentieren. Die sozialen Netzwerke ermöglichen, dass wir uns mit Menschen, die unsere Interessen teilen, austauschen, dass wir über große Distanzen Kontakt zu Freunden halten. Sie schenken Meinungsfreiheit dort, wo die Pressefreiheit eingeschränkt ist. Der Arabische Frühling, der vor genau zehn Jahren zu einem Umsturz in zahlreichen autoritär regierten Ländern führte, nahm im virtuellen Raum seinen Anfang, ehe er sich auf die Straßen verlagerte.

Inzwischen muss man leider konstatieren, dass die sozialen Medien nicht nur demokratiefördernd sind – ganz im Gegenteil. Ein notorischer Lügner als oberster Social-Media-Redakteur im Weißen Haus – damit haben die Gründer von Facebook und Twitter sicher nicht gerechnet, als sie einst ihre Angebote starteten. Dass nun Donald Trumps Kanäle gesperrt wurden, markiert den vorerst traurigen Höhepunkt einer Entwicklung: Die Plattformen werden längst von vielen für gänzlich unsoziale Zwecke missbraucht. Mobbing und Hasskommentare, Übertreibungen, Lügen und Verschwörungstheorien sind in den sozialen Netzwerken an der Tagesordnung und spalten die Gesellschaft, anstatt die Menschen zusammenzubringen, wie es doch eigentlich intendiert war.

Wenn heute Berichte über Corona-Tote auf Facebook publiziert werden, finden sich hunderte lachende Smilies darunter. Wenn auf den Seiten katholischer Medien über Entwicklungen in der Kirche diskutiert wird, braucht es nicht lange, ehe wüste Beschimpfungen und Verunglimpfungen die Kommunikation zunichte machen. Menschen wie mir raubt dies zunehmend die Lust daran, soziale Netzwerke außerhalb des engsten Freundeskreises zu nutzen. Und tatsächlich gibt es Anzeichen, dass sich insbesondere junge Menschen auf unpolitische Plattformen oder in kleinere, geschlossene Räume mit mehr Privatsphäre zurückziehen.

Doch sind die verbalen Ausfälle noch die harmloseren Auswüchse. Spätestens wenn sich Gruppierungen in den Netzwerken zu Gewalttaten verabreden und Angriffe auf den demokratischen Staat organisieren, ist der Beweis erbracht, dass die sozialen Medien eine große Überforderung darstellen: für die Betreiber, die bei der Überprüfung der Inhalte nicht hinterher kommen; für die Justiz, die sich mit begrenzten technischen Möglichkeiten einer Flut von Verstößen konfrontiert sieht; für die Politik, die sich schwer tut, wirksamere gesetzliche Regeln zu finden und gegen die international agierenden Konzerne durchzusetzen. In erster Linie überfordert sind jedoch Menschen, die im Netz in einer Weise kommunizieren, wie sie es von Angesicht zu Angesicht (hoffentlich) niemals täten. Papst Paul VI., Autor von „Inter Mirifica“, schrieb 1963: „Die rechte Benutzung der Sozialen Kommunikationsmittel setzt bei allen, die mit ihnen umgehen, die Kenntnis der Grundsätze sittlicher Wert­ordnung voraus und die Bereitschaft, sie auch hier zu verwirklichen.“ Diese Feststellung gilt heute mehr denn je. 

Christian Klenk

 

Druckversion

AddThis

|||||