Kommentar: Keine Zeit für Ausreden

Bonn, 16. Oktober 2017. Die Stimmung ist fröhlich und gelöst. Viele Kolleginnen und Kollegen sind der Einladung zur Verleihung des Katholischen Medienpreises gefolgt und stehen jetzt vor dem Rheinischen Landesmuseum. Denn aufgrund des lauen Herbstabends werden Aperitif und Häppchen draußen gereicht. Anschließend geht es hinunter in den Saal. Zu den Preisträgern gehört auch Claas Relotius mit seiner Reportage „Königskinder“. Eine Geschichte, die unter die Haut geht. Eine Geschichte über ein Geschwisterpaar aus Syrien, das in die Türkei flüchten musste und dort ums Überleben kämpft. Eine Geschichte, die sich jetzt – ein gutes Jahr später – in wichtigen Punkten als gefälscht herausgestellt hat.
Ich kann mich noch gut an diesen Abend erinnern. Auch ich war sehr berührt von der ausgezeichneten Reportage. Das Schicksal dieser Kinder hat mich bewegt, der Schreibstil des Journalisten fasziniert. Nie wäre mir der Gedanke gekommen, dass diese Geschichte frei erfunden sein könnte. Dass jemand so dreist ist und eine Fiktion als Wahrheit ausgibt. Und das nicht nur in dieser Reportage, sondern mehrfach auch in anderen seiner Publikationen. Der Schock in der Medienwelt war und ist groß. Zu Recht.
Viele Kommentare sind danach verfasst worden – auf der Suche nach Gründen für solch ein unfassbares Vorgehen. Die Antworten waren mir allerdings meistens zu lapidar. U.a. hieß es da, dass der Druck beim „Spiegel“ zu groß sei und Relotius sich genötigt gefühlt hätte, besonders einzigartige und sensationelle Geschichten abzugeben. Bitte? Das kann ja wohl kaum ein Grund sein! Wenn jemand der Druck in einem Medienunternehmen zu hoch ist, dann muss er für sich die Konsequenzen ziehen und zur Not gehen. Aber deswegen das journalistische Ethos komplett mit Füßen zu treten, das ist für mich eine billige Ausrede.
Mittlerweile hat die Deutsche Bischofskonferenz Claas Relotius den Katholischen Medienpreis aberkannt. Wir als GKP stehen hinter dieser Entscheidung. Sie ist nur folgerichtig. Denn wir vergeben keinen Preis für schön geschriebene Fiktion, sondern für einen Journalismus, der gesellschaftliche Probleme aufzeigt und die Realität abbildet. Warum Claas Relotius sich dazu hat hinreißen lassen, diesen Weg zu verlassen? Für mich wird es darauf nie eine verständliche oder überzeugende Antwort geben! Und sie ist auch irrelevant. Was geschehen ist, ist geschehen. Stattdessen ist es dringend vonnöten, dass die Verantwortlichen jetzt Mechanismen etablieren, damit sich solch ein Vorfall nicht wiederholt. Damit die Glaubwürdigkeit der Medien nicht noch mehr leidet und damit wir rechten Gruppierungen kein Futter liefern, um ihre hohlen Parolen scheinbar zu bestätigen.    Nicole Stroth

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