Kommentar: Gerechtigkeit unteilbar

In der März-Ausgabe der Mitgliederzeitschrft GKP-Informationen schreibt Carolin Kronenburg über die Ergebnsisse der Amazonas-Synode

Die katholische Kirche hat es wieder einmal geschafft: Sie ist mit Negativschlagzeilen in nahezu allen Medien und in aller Munde. Diesmal geht es nicht um das Verbrechen des sexuellen Missbrauchs. Der Heilige Vater selbst hat mit seinem Schreiben „Geliebtes Amazonien“ für Kritik gesorgt. Über die Negativschlagzeilen zeigte sich Papst Franziskus nach Angaben des US-Bischofs William Wack betroffen. Er kritisierte, dass Medien aus dem Schreiben nur „eine Zeile“ gemacht hätten oder bloß beanstandet hätten, dass „der  Papst nicht den Mut hatte, die Regeln der Kirche zu ändern“. Papst Franziskus folgt hier leider einem beliebten Muster: Die Medien sind schuld!
So ist es aber nicht. Ein genauerer Blick in die deutschen Medien, aber auch in die internationale Presse, gerade auch in die in Lateinamerika, zeigt: Die große Mehrzahl der Medien würdigt positiv das, was der Papst im Blick auf die Sorge um die Umwelt sagt. Aber die Medien kritisieren zugleich überwiegend das, was der Papst über die Rolle der Frauen in der Kirche sagt und was er über die Öffnung des Zölibats nicht sagt. Hierauf setzen sie, insbesondere in der Kommentierung, den Schwerpunkt – das kann aber nicht überraschen.
Dass der Papst das kritisch sieht, scheint dabei zunächst sogar verständlich. Denn in der Tat sind die Fragen, wie wir den Amazonas-Regenwald bewahren, zu einer gerechteren Wirtschafts- und Sozialordnung kommen und unseren Planeten retten können, weitaus drängender als die Fragen der Zulassung von Frauen zu Weiheämtern oder, ob auch ein verheirateter Mann Priester sein kann. Aus journalistischer Perspektive ist aber das, was der Papst hierzu in „Geliebtes Amazonien“ sagt, weder neu noch überraschend. Er knüpft damit vor allem an seine herausragende Enzyklika „Laudato si“ an.
Da das Schreiben also hier wenig Neues enthält, ist es klar, dass der journalistische Fokus ein anderer ist. Und die Kritik an denjenigen, die vor allem die mangelnde Reformbereitschaft des Papstes kommentieren, ist aus journalistischer Sicht nicht nachvollziehbar. Ärgerlich wird sie, wenn einzelne, wie der Leiter der Berufungspastoral im Erzbistum Köln, den Kritikern unterstellt, sie bemühten sich gar nicht, „dieses Papier richtig zu lesen“.  Zu den Rechtgläubigen kommen also nun noch die Rechtlesenden.
Überraschend und damit für die Öffentlichkeit interessant ist  – wenn man das Abschlusspapier der Amazonas-Synode mit in den Blick nimmt – bei noch so „wohlwollend-dialektischer Lektüre“ (Christiane Florin) die Nicht-Positionierung des Papstes zu verheirateten Männern als Priestern und seine Positionierung zur Rolle der Frau in der Kirche. Um mich als Frau nicht dem Vorwurf des Nicht-Richtig-Lesen-Könnens auszusetzen, sei zur Rolle der Frau aus dem Schreiben selbst zitiert: Das Zeugnis der Frauen in Amazonien „ist eine Einladung an uns, unseren Blick zu weiten, damit unser Verständnis von Kirche nicht auf funktionale Strukturen reduziert wird. Ein solcher Reduktionismus würde uns zu der Annahme veranlassen, dass den Frauen nur dann ein Status in der Kirche und eine größere Beteiligung eingeräumt würden, wenn sie zu den heiligen Weihen zugelassen würden. Aber eine solche Sichtweise wäre in Wirklichkeit eine Begrenzung der Perspektiven: Sie würde uns auf eine Klerikalisierung der Frauen hinlenken.“  Lese ich das wirklich? Frauen können nicht zu den Weiheämtern zugelassen werden, weil das eine Klerikalisierung der Frauen bedeuten würde? Wenn das stimmt, warum betrifft das nur die Frauen? Was ist mit der Klerikalisierung der Männer? Ist diese künftig auch nicht mehr gewollt? Wer wird dann überhaupt noch geweiht? Und wird die Männer-Weihe, wenn es sie doch weiter gibt, zumindest getrennt von Macht und Einfluss?
Direkte Antworten gibt das Schreiben nicht. Ich lese nur weiter: „Der Herr wollte seine Macht und seine Liebe in zwei menschlichen Gesichtern kundtun: das seines göttlichen menschgewordenen Sohnes und das eines weiblichen Geschöpfes.“  Ja, ich bin gerne Geschöpf Gottes, so wie jeder Mann auch. Und als göttliches Geschöpf ist Gerechtigkeit für mich nicht teilbar. Gerechtigkeit sollte allen zuteil werden, den Armen, auf deren Kosten wir allzu oft leben, den zukünftigen Generationen, deren Lebensgrundlagen wir gerade in Amazonien und weltweit zerstören, aber auch den Frauen in der katholischen Kirche. Im Blick auf diesen letzten Punkt ist „Geliebtes Amazonien“ eine herbe Enttäuschung.
Carolin Kronenburg

 

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