Kommentar: Es geht nicht um Fußnoten

Am 26. September ist Bundestagswahl. 53 Parteien treten an. Der Fokus der Medien im Vorfeld der Wahl liegt auf denjenigen, die die größten Chancen haben, unser Land künftig zu regieren oder ins Parlament einzuziehen. Das ist normal und entspricht journalistischen Standards – auch, wenn es durchaus interessant wäre, einmal mehr zu erfahren über die „Partei für Veränderung, Vegetarier und Veganer“ oder die „Menschliche Welt“.
Nicht normal und journalistisch bedenklich ist aber das, worauf viele Medien in den vergangenen Wochen in ihrer Vorberichterstattung zur Wahl den Fokus gelegt haben: auf Annalena Baerbock. Dabei aber nicht etwa auf die Aussagen der Grünen-Kanzlerkandidatin zu Klimaschutz, sozialer Gerechtigkeit oder einer ökologischen Modernisierung. Nein, im Mittelpunkt standen ihr Lebenslauf, fehlende Fußnoten und Zahlungen für ihr Promotionsstipendium. Um nicht missverstanden zu werden: Es ist normal, dass Medien sich die Frau, die die Richtlinienkompetenz der Politik in unserem Land wahrnehmen möchte, genauer anschauen. Denn die Wählerinnen und Wähler möchten wissen, wer diese Frau ist. Kann ich ihr vertrauen? Ist sie glaubwürdig? Welche Kompetenzen und Erfahrungen bringt sie mit? Das sind wesentliche Fragen und die Antworten darauf bestimmen das Wählerverhalten entscheidend mit.
Allerdings hat die journalistische Kritik an Annalena Baerbock oft jedes Maß verloren. Die mediale Aufmerksamkeit, die den genannten zugegeben dilettantischen Fehlleistungen der Kanzlerkandidatin und ihres Beraterstabs zuteil wird, ist überzogen und wird der hohen Bedeutung dieser Bundestagswahl nicht gerecht. Es ist ein journalistisches Armutszeugnis, wenn sogar die taz titelt „Es ist vorbei, Baerbock!“, ihr zum Verzicht auf die Kanzlerkandidatur rät und ihr sogar vorwirft: „Mit ihrer Selbstüberschätzung hat Baerbock dem Feminismus einen Bärendienst erwiesen.“ Lass die Kirche doch bitte im Dorf, möchte man der taz-Autorin Silke Mertins zurufen! Und schau stattdessen etwa in den Kreis Ahrweiler! Und analysiere und kommentiere dann, welche Kandidatin oder welcher Kandidat die besten Konzepte für die Bewältigung der fundamentalen Herausforderungen mitbringt, vor denen keineswegs nur unser Land, sondern die globalisierte Weltgemeinschaft steht.
Eine solche Auseinandersetzung über politische Themen scheinen einige Parteien und Kandidaten in diesem Wahlkampf bewusst vermeiden zu wollen. „Schlafwagen-Modus“ nennt das zu recht Tim Herden, Hauptstadtkorrespondent des MDR. Das mag die Taktik von Politikern sein, die den Menschen vor der Wahl nicht sagen möchten, welche Belastungen angesichts von Pandemie und unausweichlicher Investitionen in mehr Klimaschutz auf sie zukommen werden. Journalistinnen und Journalisten sollten dieses Spiel aber nicht mitspielen, sondern die Kandidaten und die Kandidatin auf ehrliche Antworten auf die zentralen Fragen unserer Zeit festnageln. Das wäre ihre primäre Aufgabe und nicht die Suche nach Fehlern in Lebensläufen oder fehlenden Fußnoten.  

Karolin Kronenburg

 

Druckversion

AddThis

|||||