Eckpunkte: Recht haben

Christof Wolf, der Geistliche Beirat der GKP, schreibt über unser Bedürfnis, Recht zu haben, das  leicht zu Konflikten in Beziehungen führen kann:

Wenn wir Nachrichten von Kriegen hören, dann scheint das ganz weit weg. Haben wir doch seit über siebzig Jahren in Deutschland und großen Teilen Europas Frieden. Als sei Frieden die einfachste Sache der Welt. Im Neuen Testament ist Frieden zunächst Verheißung der Engel: „Friede auf Erden“ (Lk 2,14). Und dann Zusage Jesu an seine Jünger: „Frieden hinterlasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch; nicht, wie die Welt ihn gibt, gebe ich ihn euch.“ (Joh 14,27) Wie aber gibt die Welt den Frieden? Für uns heute durch den Rechtsstaat mit seinen Gesetzen, die nicht nur für alle gelten, sondern die auch strafbewehrt sind. Die Gerichte sprechen im Staat Recht. Der Staat mit seinem Gewaltmonopol verschafft dem Recht Geltung. Ein Zweites ist unsere Wirtschaftsordnung. Der freie Wettbewerb auf einem freien Markt. Normalerweise halten sich alle Beteiligten an die Spielregeln. Und dass dies nicht das höchste der Ideale ist, wissen wir auch. Es gibt auch hier Regulierungsbedarf. Wirtschaftsordnung und Rechtsstaat basieren beide auf der Idee, dass man sich an die gemeinsamen Regeln hält.

Egal ob ich die persönlich überzeugend finde oder nicht. Der dadurch erreichte Friede ist somit ein äußerlicher Friede – der wertvoll ist. Aber dieser Friede betrifft letztlich unsere innere Einstellung nicht. Eine solche Gesellschaft kann hervorragend friedlich funktionieren, obwohl damit eine große Herzenshärte einhergehen kann – immer dann, wenn das Geld wichtiger ist als der Mensch.
Der Friede Jesu beginnt im Herzen, und der Friede des Herzens verzichtet radikal auf Gewalt. Gewaltfreiheit ist unscheinbar, wird sie doch oft als Schwäche und Ohnmacht gesehen. Im Fokus der medialen Aufmerksamkeit steht sie sehr selten. „Liebt eure Feinde; tut denen Gutes, die euch hassen! Segnet die, die euch verfluchen; betet für die, die euch beschimpfen!“ (Lk 6,27) Wann haben wir das je wirklich gemacht? Passt es mit meinem Selbstbild zusammen?
Es gibt drei starke Motive in unserem Leben: Kontrolle, Autonomie und das Bedürfnis nach Anerkennung. Schon ein kleines Kind ist stolz, wenn es laufen gelernt hat. Es kann jetzt seinen Körper kontrollieren. Autonom sein heißt: Ich entscheide für mich, was Recht und Unrecht ist. Mein moralischer Kompass hilft mir, Verantwortung zu übernehmen. Anerkennung hilft mir, meine soziale Kompetenz zu entwickeln; das bringt mich in Beziehung zu anderen Menschen. Diese drei Motive sind zunächst positiv, haben aber auch Schattenseiten. Die uns vielleicht vertrauteste ist unser Bedürfnis, Recht zu haben. Es ist nicht nur ein gutes Gefühl, „ich habe es richtig gemacht“, sondern hat leider auch ein großes Konfliktpotenzial in Beziehungen. Folgende Kurzgeschichte ist vom Mundartdichter Johann Peter Hebel überliefert: Der Müller der oberen Mühle beklagt sich über den Müller der unteren Mühle. Der Dorfrichter hört aufmerksam zu, der Gerichtsprotokollant schreibt eifrig mit. Nachdem der Ankläger geendet hat, spricht der Richter: „Das ist sehr überzeugend. Du hast völlig recht.“ Dann kommt der Müller der unteren Mühle und beklagt sich über den Müller der oberen Mühle. Wieder hört der Richter aufmerksam zu und spricht: „Das ist sehr überzeugend. Du hast völlig recht.“ Nachdem der Müller der unteren Mühle gegangen ist, beschwert sich der Gerichtsprotokollant beim Richter: „Aber das kann doch nicht sein. Beide können doch nicht in derselben Angelegenheit recht haben.“ Der Richter hört aufmerksam zu und antwortet: „Du hast völlig recht.“ Oft kommen wir nicht aus unseren Rechtfertigungsschleifen heraus. Unser Verstand ist da ungemein pfiffig und vermag es am Ende doch wieder so zu drehen, dass ich im Recht bin. „Warum siehst du den Splitter im Auge deines Bruders, aber den Balken in deinem eigenen Auge bemerkst du nicht?“ (Lk 6,41) Wir sind oft geradezu blind und wollen es auch weiterhin sein.
Ein erster Schritt ist, diese Dynamik einmal bewusst in den Blick zu nehmen. Kann ich das in Ruhe anschauen? Leidet mein Selbstbild, mein Selbst-Wert-Gefühl darunter? Vielleicht habe ich einfach Angst, die Kontrolle zu verlieren, nicht im Recht zu sein und nicht anerkannt zu werden. Ich könnte meine Angst überwinden. Vielleicht wäre das auch eine Seligpreisung. Selig, die demütig sind, die es schaffen, die Rechtfertigungsschleife zu beenden; denn ihnen gehört das Himmelreich. Wenn das gelingt, dann spüren wir den Freiraum in unseren Beziehungen. Freiraum für den anderen, Freiraum für Gott.                         Christof Wolf SJ

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