Eckpunkte: Kinderfragen?

P. Christof Wolf SJ, der Geistliche Beirat der GKP, setzt sich aus Anlass des Welttags der Philosophie (15. November) mit dem Gottesbeweis auseinander.

Bitte nehmen Sie ein leeres Blatt Papier, falten Sie es und schreiben Sie auf die erste Seite ihren Namen. Dann drehen Sie das Blatt um und schreiben auf die letzte Seite zuerst Ihr Geburtsjahr. Zu diesem rechnen Sie 80 Jahre hinzu. Männer subtrahieren vom Ergebnis 2 Jahre, Frauen addieren 2 Jahre. Wer ein starker Raucher ist, zieht noch einmal 10 Jahre ab. Schreiben Sie nun diese Zahl rechts neben Ihr Geburtsjahr. Herzlichen Glückwunsch! Sie halten jetzt das Buch Ihres Lebens in den Händen. – Alle Menschen, die dieses kleine philosophische Experiment machen, sehen sich auf einmal mit der Endlichkeit ihrer Lebenszeit konfrontiert. Man kann in kulturübergreifenden Studien zeigen, dass nach dieser Übung jede Diskussion sehr viel mehr Tiefgang und Ernsthaftigkeit hat. Und: Sogar Menschen, die von sich selber sagen, sie seien religiös nicht sehr „musikalisch“, es in der Kindheit und Jugend jedoch einst waren, entdecken in sich auf einmal eine Hoffnung, die über dieses irdische Leben hinausreicht. Glauben Sie es nicht? Probieren Sie es aus!

Wie jedes Jahr im November geht mit dem Christkönigsfest das Kirchenjahr zu Ende. Der Advent steht vor der Tür. Die Texte der Sonntagsevangelien greifen Wesentliches auf, stellen existenzielle, philosophische Fragen. Was ist das wichtigste Gebot, der wichtigste Maßstab in meinem Leben? Wen soll ich mir zum Vorbild nehmen? Wie soll ich handeln? Und wie lebe ich im Angesicht des Todes?
Im Markusevangelium antwortet Jesus auf die Frage nach dem wichtigsten Gebot: „Das erste ist: Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der einzige Herr. Darum sollst du den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit deinem ganzen Denken und mit deiner ganzen Kraft. Als zweites kommt hinzu: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Kein anderes Gebot ist größer als diese beiden“ (Mk 12, 29-31). Wir kennen den Text sehr gut, aber wissen wir eigentlich, was es heißen soll, Gott mit unserem ganzen Verstand zu lieben?
Wir begehen in diesen Tagen, am 15. November, den Welttag der Philosophie. Religion und Philosophie beschäftigen sich mit den großen Fragen der Menschheit. Aber diese Fragen sind nicht nur etwas für die Berufsphilosophinnen und -Philosophen. Wie gern gerade Kinder philosophische Fragen stellen, haben wohl alle Eltern schon erlebt. Etwa wenn eine Sechsjährige fragt: „Warum wachse ich?“, oder ein Achtjähriger: „Wenn Gott den Urknall gemacht hat, wer hat dann aber Gott gemacht? Und wer hat denjenigen gemacht, der Gott gemacht hat?“, oder ein neunjähriges Mädchen: „Wenn Gott gut ist, warum gibt es so viele Kriege?“ oder „Wo ist denn die Seele? In mir oder über mir?“ oder „Wie hat Gott die Welt geschaffen?“ oder „Wieviel ist unendlich?“ Man könnte die Reihe noch lange fortsetzen. „Alle Menschen streben von Natur aus nach Wissen. Das Staunen ist der Anfang der Philosophie“, so beginnt Aristoteles seine Metaphysik. Beim ersten Satz bekommt man noch ungeteilte Zustimmung, aber beim zweiten scheiden sich die Geister. Staunen ist doch keine wissenschaftliche Kategorie oder gar Methode. Wer philosophische Fragen stellt, muss seinen Verstand gebrauchen, und das ist anstrengend. Man kann das Staunen nicht an andere delegieren. Das heißt, die Philosophie hat ihren Ursprung in meiner ganz individuellen Erfahrung. Wenn man nach der Natur Gottes fragt, kann uns die Philosophie helfen, eine nicht abschließende, aber eben doch vernünftige Antwort zu geben. Beides, meine Erfahrungen und meine geistige Tätigkeit, kann niemand sehen wie einen Gegenstand in der Welt. Es käme auch niemandem in den Sinn zu sagen, sein Gedanke sei 10 cm lang und 2,5 kg schwer. Wenn Gott geistiger Natur ist, dann ist es nur logisch, dass er nicht so sichtbar sein kann wie die sichtbare Welt. Genauso wie eben auch mein Gedanke nicht sichtbar ist. Vielleicht liegt der beste „Gottesbeweis“ in meiner Erfahrung. Viele Menschen machen tiefe Gotteserfahrungen, die ihnen mehr bedeuten als ein abstrakter Beweis. Unser philosophisches und theologisches Denken sollte immer lebensnah sein, wie die folgende humorvolle Geschichte nahelegt. Sie handelt von der tiefsinnigen Frage, warum die Welt so fein abgestimmt ist, dass es überhaupt Leben gibt. Ein berühmter Rabbi zeigt seinen Schülern die Schönheit der Natur: „Schaut wie wunderbar Gott die Welt eingerichtet hat. Da sieht man doch, dass es einen Gott geben muss.“ Genau in diesem Moment fliegt ein Vogel vorbei und kackt justament auf den Kopf des Rabbi. Da wendet ein vorlauter Schüler ein: „Siehst du, Rabbi, es ist nicht alles perfekt eingerichtet!“ – „Doch“, sagt der Rabbi, „Gott hat den Kühen keine Flügel gegeben!“
      Christof Wolf SJ

 

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