Eckpunkte: In persona Christi agere

Gedanken zu den Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche vom Geistlichen Beirat der GKP,
P. Christof Wolf SJ

Nach dem Bekanntwerden der Missbrauchsfälle in der Kirche mahnen nun viele eine grundlegende Reform der Kirche an. Aber Strukturen zu verändern ist ein sehr mühsamer und langwieriger Prozess, der normalerweise mit großen Widerständen einhergeht. Schließlich werden nicht nur die Zuständigkeiten und Verantwortungsbereiche neu geordnet, sondern vor allem auch lieb gewordene, bequem etablierte Machtstrukturen umgekrempelt. Und wer Macht hat, gibt sie ungern ab. In der Kirche heißt das Klerikalismus, den Papst Franziskus als Gestus der Unberührbarkeit, der Erhabenheit und damit der Abwertung anderer beschreibt. Schaut man auf Jesus und seine Botschaft, ist diese Haltung ein echter Skandal. Aber auch zur Zeit Jesu ging es nicht ohne Lernprozess.

Jesus hat den Jüngern gerade klar gemacht, dass er in Jerusalem leiden, sterben und am dritten Tag auferstehen werde, und ausgerechnet aus dem innersten Kreis seiner Jünger kommen Jakobus und Johannes und verlangen von Jesus eine Garantie, dass ihnen im kommenden Reich Gottes die Ehrenplätze zu seiner Rechten und Linken zuteil werden. Statt dass nun die anderen zehn Jesus beistehen, sind sie bloß neidisch auf die beiden Zebedäusbrüder. Jesus hat eine klare Antwort für sie: „Ihr wisst, dass die Herrscher ihre Völker unterdrücken und die Mächtigen ihre Macht über die Menschen missbrauchen. Bei euch soll es nicht so sein, sondern wer bei euch groß sein will, der soll euer Diener sein, und wer bei euch der Erste sein will, soll euer Sklave sein“ (Mt 20,25-27). Desgleichen die eindrückliche Szene der Fußwaschung, die mit der Frage Jesu an seine Jünger endet: „Begreift ihr, was ich an euch getan habe? Ihr sagt zu mir Meister und Herr und ihr nennt mich mit Recht so; denn ich bin es. Wenn nun ich, der Herr und Meister, euch die Füße gewaschen habe, dann müsst auch ihr einander die Füße waschen“ (Joh 13,12-14).
Besonders aufschlussreich ist auch die Szene im Markusevangelium, wo Jesus die Jünger fragt, worüber sie auf dem Weg von Galiläa nach Kafarnaum gesprochen haben. „Sie schwiegen, denn sie hatten unterwegs miteinander darüber gesprochen, wer von ihnen der Größte sei. Da setzte er sich, rief die Zwölf und sagte zu ihnen: Wer der Erste sein will, soll der Letzte von allen und der Diener aller sein. Und er stellte ein Kind in ihre Mitte, nahm es in seine Arme und sagte zu ihnen: Wer ein solches Kind um meinetwillen aufnimmt, der nimmt mich auf; wer aber mich aufnimmt, der nimmt nicht nur mich auf, sondern den, der mich gesandt hat“ (Mk 9,34-37). Jesus hatte vor allem ein Herz für Kinder, nicht aus romantischen Gründen, sondern weil Kinder in der damaligen Zeit überhaupt kein Ansehen, keinen gesellschaftlichen Status hatten. Gleich darauf wird moniert, dass jemand, der nicht zum Jüngerkreis gehöre, in Jesu Namen Dämonen austreibe. „Jesus erwiderte: Hindert ihn nicht! Keiner, der in meinem Namen Wunder tut, kann so leicht schlecht von mir reden. Denn wer nicht gegen uns ist, der ist für uns“ (Mk 9,39-41)- Drei Lehren für die Jünger. Niemand kann Gottes heilende Macht für seinen Vorteil exklusiv in Anspruch nehmen, hier gibt es keinen Wettbewerb. Die Frohe Botschaft ist nicht dazu da, unser eigenes Ansehen zu mehren, und der Erfolg anderer ist keine Bedrohung für uns. Und passend zum Thema Missbrauch der nächste Vers: „Wer einen von diesen Kleinen, die an mich glauben, zum Bösen verführt, für den wäre es besser, wenn er mit einem Mühlstein um den Hals ins Meer geworfen würde“ (Mk 9, 42).
Wie kann eine Institution die Frohe Botschaft, die sie verkünden und leben soll, derart verdrehen? Nach traditionellem Verständnis handelt der Priester im Auftrag Christi. Was für ein Anspruch! Kann man das wirklich noch ehrlichen Herzens sagen? Wenn aus den Berichten über Missbrauchsfälle neben dem individuellen vor allem auch ein institutionelles Versagen deutlich wird, scheinen grundlegende Reformen der konkreten kirchlichen Leitungsstruktur unumgänglich. Aber aufs Ganze gesehen wird dies nur Erfolg haben, wenn alle Gläubigen einem Weg der Rückbesinnung auf die Botschaft und das Leben Jesu folgen. Denn alle Glieder einer Institution tragen diese mit ihrem je eigenen Selbstverständnis. Warum ist es zum Beispiel so schwierig, jeweils an Gründonnerstag innerhalb der Gemeinde Freiwillige für die Fußwaschung zu finden? Auch wenn es mühsam ist: der Anspruch, im Auftrag Jesu zu handeln, ist und bleibt Anspruch für die ganze Kirche.         Christof Wolf SJ

 

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