Eckpunkte: Abba - Vaterunser

P. Christof Wolf, der Geistliche Beirat der GKP, schreibt über das allen Christen gemeinsame Gebet, das Vaterunser:

Journalistinnen und Journalisten sind in der Regel ein reiselustiges Volk. Wer etwa in Rom zu tun hat, trifft auf dem Petersplatz im Vorbeigehen garantiert einen Berufskollegen. Wenn man dann dort einen Gottesdienst auf Italienisch besucht, obwohl man der Sprache nicht mächtig ist, weiß man als guter Katholik sofort, wo man in der Messe gerade ist. Das Vaterunser kann man sogar im Stillen in seiner Muttersprache mitbeten, ohne aus dem Rhythmus der Gemeinde zu fallen. Faszinierend, ist doch diese Art von gemeinschaftlicher religiöser Erfahrung etwas Besonderes und in gewisser Weise genau der Ursprung des Vaterunsers. Im Lukas-evangelium bitten die Jünger Jesus: „Herr, lehre uns beten, wie auch Johannes seine Jünger beten gelehrt hat!“ (Lk 11,1) Nicht dass die Jünger keine Ahnung gehabt hätten, wie sie beten sollten. Vielmehr wollten sie wie die mit ihnen wetteifernden Jünger Johannes’ des Täufers ein Gebet haben, das identitätsstiftend für ihre Gruppe sein würde. Und das ist es in der Tat nicht nur für sie, sondern für die ganze Christenheit geworden.

In den Evangelien sind uns zwei Fassungen überliefert. Die kürzere bei Lukas (Lk 11,2-4) und die etwas längere bei Matthäus (Mt 6,9-13), wobei erstere wohl die ursprünglichere Fassung ist. Im Aufbau sind beide gleich: Nach der Vateranrede folgen zwei bzw. drei „Du-Bitten“ (dein) und danach drei bzw. vier Wir-Bitten (uns). Im gesamten Alten Testament wird Gott nur sehr selten mit Vater angesprochen, im viel kürzeren Neuen Testament dagegen etwa 260 Mal. Wie wichtig diese Anrede für Jesus war, zeigt sich daran, dass das muttersprachliche aramäische Wort abba sogar in den griechischen Text der frühen Christenheit eingeflossen ist. Nicht zu einem allmächtigen, allgütigen und allwissenden, sondern zu einem fürsorglichen Vater sollen die Jünger beten. „Geheiligt werde dein Name. Dein Reich komme. Dein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden.“ Gott kommt an erster Stelle. Gott ist der Ursprung, und sein Heilswille durchwirkt die ganze Wirklichkeit. Wir sind eingeladen, Teil davon zu sein. Dabei bestimmt unsere Beziehung zu Gott, wie das Reich Gottes Wirklichkeit wird. Und nicht meine Perspektive, sondern die Perspektive Gottes (sein Wille) möge mein Handeln bestimmen.
„Unser tägliches Brot gib uns heute. Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern. Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen.“ Die meisten Menschen zur Zeit Jesu waren bitterarm, hatten nicht genug zu essen, litten an vielerlei Mängeln. Die Bitte um das tägliche Brot heißt ganz existenziell: nicht hungern müssen, gesund sein dürfen. Und wie die Israeliten auf ihrem Weg durch die Wüste ihre tägliche Ration Manna bekamen, so schenkt uns Gott jeden Tag, was wir zum Leben brauchen. Schuld und Sünde betreffen besonders unsere Beziehungen. Jeder Mensch braucht das Geschenk der Vergebung und muss diese ebenfalls schenken. Wie oft fällt uns das schwer! Und dennoch ist es das Fundament jeder erfüllten und tiefen Beziehung. In der Zeit Jesu bezog sich das auch noch ganz konkret auf Abhängigkeit, finanzielle Schulden, ja Verschuldung. Die meisten Bauern hatten ihren Besitz durch schlechte Ernten verloren. Sie waren gezwungen, ihr Land zu verkaufen und konnten sich und ihre Familien nur noch als Lohnarbeiter ernähren. Dazu kamen die Tempelsteuer (der Zehnt) und die hohen Steuern der Regierung. Bis zu 50 Prozent einer jeden Ernte waren abzugeben. Auch die Formulierung „und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen“, die in jüngster Zeit so lebhaft diskutiert wurde, klang für die Menschen von damals etwas anders: Wenn wir uns verschuldet haben, erspare uns einen harten und unbarmherzigen Richter, der uns testet (versucht) und von dem wir kein Erbarmen zu erwarten haben. Von einem solch bösen Richter kann uns nur Gott erlösen.
Im deutschen Sprachraum wurde vor 50 Jahren von den Beauftragten der evangelischen, römisch-katholischen und altkatholischen Kirchen die uns heute vertraute gemeinsame Textfassung des Vaterunsers erarbeitet und zu Beginn des neuen Kirchenjahres am 1. Dezember 1968 eingeführt. Ein Geschenk für die Ökumene. Nicht irgendein traditionelles Gebet, sondern eines, das Jesus besonders am Herzen lag, beten die Christen der verschiedenen Kirchen in einer gemeinsamen Sprache. Wer das Vaterunser betet, allein oder in Gemeinschaft, teilt die religiöse Erfahrung Jesu und seiner Jünger.
      Christof Wolf SJ

 

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