Kommentar: Der Vatikan wirkt wie ein in die Jahre gekommenes Familienunternehmen

An der großartigen GKP-Reise nach Rom (siehe Reisebericht von Ulrich Waschki auf Seite 3) hatte ich teilgenommen, um verstehen zu lernen, wie der Vatikan „funktioniert“. Nach fünf Tagen intensiven Programms stelle ich mir die Frage: Wie kann man den Vatikan überhaupt zum Funktionieren bringen?
Vom heiligen Papst Johannes XXIII. ist das Bonmot überliefert, er habe auf die Frage eines Journalisten, wie viele Menschen im Vatikan arbeiteten, mit „Ungefähr die Hälfte, glaube ich“ geantwortet. Ganz so schlimm wird es nicht sein, gewiss arbeiten dort viele Menschen mit großem Eifer an der Verwaltung der Weltkirche und der Verkündigung der Frohen Botschaft. Aber sie tun dies in einer Struktur, die, wie mir scheint, nicht in die moderne Zeit passt. Da arbeiten Kongregationen und Dikasterien so arbeitsteilig nebeneinander her, dass sie sich problemlos mit ein- und demselben Vorgang beschäftigen können, ohne voneinander zu wissen oder sich gar abzustimmen. Regelmäßige Sitzungen untereinander, gar so etwas wie eine abgestimmte „Morgenlage“ – Fehlanzeige!
Der Vatikan wirkte auf mich wie ein altes, in die Jahre gekommenes Familienunternehmen: Man setzt auf Traditionen und patriarchalische Strukturen, die alten, weisen Männer entscheiden in aller Ruhe, was zu entscheiden ist, und die „moderne Welt“ da draußen scheint weit weg.
Ein Beispiel dafür ist die gerade beginnende Jugendsynode. Natürlich ist eine Synode per se eine Versammlung von Bischöfen, und so ist es nicht verwunderlich, dass sich unter den über 400 Teilnehmenden nur rund 50 Laien und nur etwa zwei Dutzend Frauen befinden. Aber wenn man wirklich in den Kontakt mit der Jugend kommen und herausfinden wollte, was sie bewegt, hätte man auch andere Formen des Gesprächs finden können. Raus aus dem Apostolischen Palast und dorthin, wo die Jugend der Welt ihren Glauben lebt und feiert: Warum kein Treffen der Bischöfe mit Jugendlichen in Taizé? Dort hätten die jungen Menschen den Synodenvätern in einem ungezwungenen Rahmen von ihrer Lebenswirklichkeit berichten können. So aber atmet das Treffen der Bischöfe in der Synodenaula die Luft des ewigen „Weiter so!“. Ob sich daraus eine Kraft entfalten kann, die die Kirche nach vorne bringt?
Papst Franziskus hat die Sollbruchstellen seiner Verwaltung offenbar frühzeitig erkannt: Mit der geplanten Reform der römischen Kurie stieß er gleich nach seinem Amtsantritt ein wichtiges Projekt an. Ich bin gespannt, welche Antworten auf die drängenden Fragen der Zeit die neue Kurienkonstitution geben wird, die die Gruppe der K9-Kardinäle dem Papst jüngst zur Begutachtung vorgelegt hat.
Denn klar ist: Die katholische Kirche befindet sich gerade inmitten einer schweren Krise, bei der mehr als nur ihre Glaubwürdigkeit auf dem Spiel steht. Hier kann es kein „Weiter so“ mehr geben: Klerikalismus und Strukturen, die den Machtmissbrauch begünstigen, müssen weg. Das hat Papst Franziskus selbst gesagt. Jetzt muss die Kirche die Konsequenzen ziehen und sich neu aufstellen: angefangen beim Vatikan.                          
Thomas Mollen

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