Abenteuer im Beruf: Umgang mit Geschichte

Dieter Klink, Politikredakteur in der Nachrichtenredaktion des Badischen Tagblatts in Baden-Baden, erlebt bei der Einweihung des Nationalmonuments Hartmannsweilerkopf im Elsass den journalistischen  Umgang mit Geschichte als Abenteuer. Klink war von 2001 bis 2017 Regionalbeauftragter der GKP in der Region Südwest.

La Présidence de la République“ lädt ein, steht auf der Akkreditierungskarte. 3. August 2014, „Nationalmonument  Hartmannsweilerkopf“. Der Präsident der Republik heißt François Hollande, und er kommt zusammen mit dem damaligen Bundespräsidenten Joachim Gauck auf den Berg im Südelsass, der zum Sinnbild des sinnlosen Krieges wurde. Als hier im Ersten Weltkrieg deutsche gegen französische Soldaten kämpften, haben bis zu 30 000 Menschen ihr Leben verloren. Seit 1932 gibt es auf dem Berg eine nationale Gedenkstätte, doch nun, 100 Jahre nach dem Ersten Weltkrieg, wollen Deutsche und Franzosen etwas Neues wagen: Sie bauen gemeinsam ein deutsch-französisches Gedenkzentrum, das erste seiner Art.

Gauck und Hollande legten für das „Historial“ am 3. August 2014 den Grundstein. Ich habe für das Badische Tagblatt den Termin und das Projekt journalistisch begleitet und aufbereitet: Vorbericht, Nachbericht, Bau-Fortschritt nach einem Jahr, Interview mit dem Freiburger Historiker Gerd Krumeich, Besuch des Gedenkzentrums 2017 kurz vor Fertigstellung, Themenseite, Kommentar. Ein spannender Prozess, der sich für unsere Leser fast vor der Haustüre abspielt und doch so vieles mit Weltgeschichte im Kleinen zu tun hat.
Die Entstehungsgeschichte des deutsch-französischen Zentrums hatte mehrere denkwürdige Momente. Gauck und Hollande waren bei der Grundsteinlegung ergriffen vom Augenblick. Gauck wich von seinem Manuskript ab, fügte in seiner Rede Worte ein, die ihm spontan einfielen. Dann geschah es: Beide Präsidenten fassten sich kurz an den Händen, blieben ein paar Sekunden so stehen, wissend um die Bedeutung einer solchen Geste, die sich in die Nachfolge berühmter Gesten von Adenauer/de Gaulle und Kohl/Mitterrand stellt. Und wie es mit so historischen Momenten ist: Nicht jeder Gast hat es mitbekommen. Manche disponierten noch ihr Smartphone und fragten dann: Was war gerade los?
In der Folgezeit zeigt sich dann, dass die deutsche Seite den Bau des Gedenkzentrums nichts ganz so ernst nimmt wie bei der Grundsteinlegung angekündigt. Der Bau kostete 4,7 Millionen Euro. Frankreich übernahm davon den Löwenanteil, die EU und Stiftungen steuerten etwas bei, und vom Auswärtigen Amt in Berlin kamen 150.000 Euro. Ein eher bescheidener Beitrag, für den sich die deutschen Planer vor Ort schämen.  „Viele Politiker in Berlin sind an guten deutsch-französischen Beziehungen interessiert, sie reisen gerne nach Paris und auch nach Verdun. Aber das Elsass ist abgelegen“, meint Krumeich dazu.   
Das mag ein Grund sein. Der Bau des „Historial“ gibt jedenfalls Anlass, über den Umgang mit Geschichte nachzudenken. Dies als Journalist begleiten, beschreiben und kommentieren zu können, ist eine wichtige Aufgabe. Europa, sagte Gauck am 3. August 2014, sei ein schwieriges Projekt. „Aber die Generationen vor uns hätten gerne unsere Schwierigkeiten gehabt, jene Vorfahren auf den Schlachtfeldern hier am Hartmannsweilerkopf, an der Marne oder vor Verdun.“ Deutschland und Frankreich, Baden und Elsass 2018: Was werden die Generationen nach uns sagen?       

 

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