Abenteuer im Beruf: Lebensgefahr

Michaela Koller ist Referentin für Öffentlichkeitsarbeit bei der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte und der Stephanus-Stiftung für verfolgte Christen in Frankfurt. Sie schreibt hier über ihr berufliches Abenteuer als Journalistin in Pakistan.

Spätestens seit der Einladung zum Interview an alle Teilnehmenden der  GKP-Jahrestagung in Passau im vorigen Jahr wissen viele GKP-Mitglieder: Mein Beruf ist es, mittels Öffentlichkeitsarbeit (bei der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte und der Stephanus-Stiftung für verfolgte Christen) in vielen Ländern den Spielraum zu erweitern, den wir katholische Journalisten hierzulande als selbstverständlich erleben oder nutzen: für die Verbreitung der Botschaft des Evangeliums und der Kirche. In Nordkorea etwa ist das Christentum nahezu ausgelöscht, im Irak erlitten die Christen einen historisch einmaligen Aderlass, in China hat gerade die härteste Zeit der Kontrolle seit der Kulturrevolution begonnen.

Mein Gast in Passau, die Menschenrechtsanwältin Aneeqa Anthony, Leiterin unserer Partnerorganisation The Voice Society, sprach über die Lage der 2,7 Prozent Christen im mehrheitlich konservativ-muslimischen Pakistan.

Wenn ich hier von Abenteuer schreibe, dann in dem Sinne einer ernsthaften, wagnisreichen Unternehmung mit ethischem Anspruch. Ergreifende Momente und Bilder, so wertvoll, um erfolgreich die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit darauf zu lenken, sind nur die eine Seite der Medaille. Die andere ist Anspannung und selbst Gefahr: Weil es ihr gelungen war, Lynchmörder eines christlichen Ehepaars, das von diesen der Blasphemie beschuldigt wurde, hinter Gitter zu bringen, wurde Anthony im Winter 2015 mit dem Tode bedroht. Monatelang fieberten wir mit ihr, kämpften ums Visum, um sie in Sicherheit zu bringen. Eine Einladung zur Papstaudienz war dagegen schnell besorgt. Die Reiseerlaubnis traf erst ein, kurz bevor der letzte Flieger abhob, der sie noch pünktlich zu Franziskus bringen konnte. Nur zehn Minuten vor der Audienz erreichte sie den Zugang zum Petersplatz. Die Schweizergarde, durch die Präfektur vorab informiert, ließ sie durch den innersten Sicherheitsbereich nach vorn, wo sie mir um den Hals fiel. Punktlandung. Monatelang gejagt. Endlich bei den Mitstreitern in Sicherheit.
Mein Gegenbesuch in Pakistan im Februar 2018 fiel in eine der blutigsten Wochen in der Geschichte des Landes. Am ersten Tag, nachdem wir auch noch bei einer Sitzung in einem Hotel in Lahore bespitzelt worden waren, führte unser Weg Richtung Provinzparlament. Vor dem Hohen Haus gerieten wir in einen Stau. Gerade eine Viertelstunde vorher waren hier 13 Menschen bei einem Selbstmordattentat zerrissen worden. In derselben Woche sollten noch drei Terrorakte aufschrecken lassen, darunter auf eine Sufi-Pilgerstätte in der südlichen Provinz Sindh, wobei 88 Menschen zu Tode kamen. Am letzten Tag wollte ich auf einem Markt einkaufen. „Spar Dir den Weg, ich kann Dir etwas schenken“, sagte Anthony, wenige Stunden, bevor auch auf dem Markt eine Bombe explodierte. Ich war froh, dass ich am Abend nach Frankfurt zurückfliegen konnte. Auf die Frage, warum sie nicht auswandert, antwortete sie: „Jeder wünscht sich ein schöneres Leben, aber es ist eine Verpflichtung. Die Kraft dazu schenkt uns Gott.“

 

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