Abenteuer im Beruf: Folgenreicher Satz

Joachim Jauer, Absolvent des Canisius-Kollegs in Berlin, begann seine journalistische Laufbahn bei RIAS Berlin, wo er nach dem Mauerbau ein an die Hörer in der DDR gerichtetes Morgenmagazin konzipierte. 1965 wechselte er zum ZDF, für das er 1967 als erster westdeutscher Korrespondent einen Fernsehbericht aus der DDR sendete. Von 1978 bis 1982 leitete er das Büro des ZDF in Ost-Berlin. 1982 bis 1984 und 1990 bis 1995 war er Leiter der Sendung „Kennzeichen D“ beim ZDF Berlin, 1984 bis 1987 ZDF-Korrespondent in Bonn, 1987 bis 1990 in Südost-Europa und 1995 bis 1999 Leiter des Studios Wien und Südost-Europa-Korrespondent. Von 1999 bis 2002 leitete er das ZDF-Landesstudio Berlin.

Es waren zwei Daten, die mein Journalistenleben auf Dauer geprägt haben. Der 16. Oktober 1978 war ein Montag. An diesem Tag erhielt ich die Nachricht, nach neun Monaten Wartezeit sei meine Akkreditierung als ZDF-Korrespondent in der DDR von Ost-Berlin genehmigt. Dass am gleichen Abend die Nachrichten die Wahl eines Polen zum Papst vermeldeten, wurde zunächst deshalb als Besonderheit gewertet, weil es zum ersten Mal seit Jahrhunderten kein Italiener war. Die wirkliche Sensation folgte am Sonntag darauf. Bei seiner Einführung in das Papstamt rief der Pole Karol Wojtyla, der Jahrzehnte Priester und Bischof in einer kommunistischen Diktatur war, den Katholiken weltweit zu:

„Habt keine Angst! Öffnet, ja reißt die Tore weit auf für Christus! Öffnet die Grenzen der Staaten, die wirtschaftlichen und politischen Systeme seiner rettenden Macht! Habt keine Angst!“ Sein Aufruf wurde hinter dem Eisernen Vorhang besonders aufmerksam gehört, in den Kirchen, aber auch in den Politbüros. Vor der Ost-Berliner St. Hedwigs-Kathedrale sagten die Kirchgänger: „Der weiß, wie es uns geht, das ist einer von uns.“ Und die Staatssicherheit registrierte voller Entsetzen, dass nur ein halbes Jahr später etwa 10 Millionen Polen „ihrem“ Papst bei seinem Besuch zu Pfingsten zugejubelt hatten, wie einem Befreier und Schutzpatron. Und wieder ein Jahr später erkämpften die streikenden Arbeiter die erste freie Gewerkschaft in einem sich sozialistisch nennenden Staat. Das Bild des Fürsprechers aus Rom hing am Tor der bestreikten Werft, die ausgerechnet den Namen des Gründers der kommunistischen Diktatur, Lenin trug. Der freien Gewerkschaft Solidarnosc traten in wenigen Wochen acht Millionen Menschen bei. Und die katholische Kirche war bei den Arbeitern. Das Kriegsrecht, mit dem die Kommunisten die Macht im Land – jedenfalls vorübergehend – zurückeroberten, konnte der Pole auf dem Stuhl Petri nicht verhindern, doch Solidarnosc kämpfte mit seiner Unterstützung trotz Verbots weiter und erreichte 1989 die ersten freien Wahlen in einem kommunistischen Land.
Nahezu gleichzeitig öffnete Ungarn auf eigenes Risiko und gegen den Widerstand der „Bruderländer“ die Grenze zu Österreich, den „Eisernen Vorhang“, der von der Ostsee bis nach Albanien reichte, dessen Schlussstein die Berliner Mauer war. Ministerpräsident Miklós Németh, ein Reformsozialist, erzählte mir später, er habe sofort nach Amtsantritt Ende 1988 mit seinem Rotstift die Kosten für die Reparaturen am rostigen Stacheldraht gestrichen. Am 2. Mai 1989 sah ich, der in Berlin mit der Mauer gelebt hatte, wie ungarische Pioniere die tödlichen Grenzanlagen beseitigten. Ich sagte in die Kamera für die „heute“-Sendung: „Hier endet heute die 40-jährige Teilung Europas. Das wird unabsehbare Folgen für Deutschland, für die DDR haben.“ Es war der wohl folgereichste Satz meiner Zeit als Journalist. Denn Wochen später registrierte die Stasi zehntausende Reisevorhaben von meist jungen DDR-Bürgern nach Ungarn. Die große Flucht von Ungarn über Österreich in die Bundesrepublik war dann die Initialzündung für den Protest auf den Straßen der DDR.               

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