Abenteuer im Beruf: Im Mittelpunkt der Mensch

Angelika Kamlage, Jahrgang 1967, arbeitet als freie Fotografin bundesweit für Orden, Kirchen, Gemeinden, Bistümer und alle Menschen, die sie anfragen.

Keine Kriegsschauplätze. Keine Politiker. Weder Schauspieler noch Popstars. Auch lädt mich der Papst nicht regelmäßig zu sich zu einem Kaffee ein.  Wo also ist mein „Abenteuer im Beruf“?
„Hier beginnt Ihr Abenteuer“, las ich neulich beim Vorbeigehen an einem Reisebüro. Jetzt muss ich wieder daran denken. Was ist mein alltägliches aufregendes Erlebnis, das meine Arbeit für mich so einzigartig macht?

Eines der letzten Abenteuer für mich sind die Menschen, die mir in meiner Arbeit begegnen. Jeder so individuell und einzigartig, wie er von Gott geschaffen wurde. Beim Fotografieren nehme ich mir so viel Zeit wie möglich, zuerst den Menschen zu sehen, den ich fotografieren möchte, und dann erst den Auslöser zu drücken. Ich beobachte den Redner, den Reiseleiter, die Kinder. Ich möchte nicht nur ablichten. Ich möchte den Menschen als Individuum erkennen, in einer Zeit, in der wir immer weniger Luft und Raum dafür zu haben scheinen.
Wir müssen funktionieren, müssen schreiben und schnell-schnell ein Foto machen. Schnell muss der Text fertig sein und noch schneller das Foto dazu. Dabei werden in meiner Wahrnehmung auch Grenzen überschritten, wenn ich mich zwischen Zuschauer und Redner dränge, dem einen die Sicht und dem andern die Luft nehme. Nein, das ist nicht das Foto, das ich möchte, und das sind auch nicht die Fotos, für die ich von den Veranstaltern geholt wurde.
Dass so etwas nicht Standard im heutigen Alltag ist, wird mir jedes Mal neu bewusst, wenn ich mit einem Auftrag unterwegs bin. Häufig treffe ich auf Menschen, die schon alles vorbereitet haben, weil sie wissen, dass ich natürlich nicht viel Zeit mitbringe. Ich erlebe Kinder und Menschen, die schon gedrillt wurden, sich schnell aufzustellen, wenn die Fotografin kommt, und ich erlebe, wie groß die Überraschung und Freude ist, wenn ich mit Ruhe und Zeit zu den Terminen komme. Es berührt und entspannt die Menschen, dass da jemand ist, der sie zuerst sieht und dann knipst. Dabei entstehen natürliche Bilder, die die Menschen zeigen, wie sie sind – manchmal schon fast zu intim.
Gewachsen ist dieses Herangehen durch meine Arbeit als Geistliche Begleiterin und Trauerbegleiterin. In Fotoexerzitien und Fotokursen geht es in Gesprächen den Teilnehmern immer stärker darum, dass immer weniger Zeit zum Leben zu bleiben scheint, weil alles so schnell geworden ist, und dass mit der Schnelligkeit auch die Wertschätzung für jeden Menschen als Individuum scheinbar zunehmend verloren geht. Ein Schmerz und eine Traurigkeit, die immer häufiger Raum in den Gesprächen einnehmen.
Was also ist mein Abenteuer? Im Auf und Ab, im Schnell und Schneller, im Gedränge und Gehetze? Als Fotografin beharrlich und besonnen zu bleiben, damit im Mittelpunkt stehen kann, was nicht nur mir das eigentlich Wichtige zu sein scheint: der Mensch.

 

Druckversion

AddThis

|||||