Volker Resing: Der Junge in Juba

Volker Resing, Chefredakteur der Herder Korrespondenz, beschreibt in den GKP-Informationen sein "Abenteuer Journalismus":

Es gibt ein Bild, das werde ich nicht los. Ein kleiner Junge rennt auf mich zu, mit einem Strahlen im Gesicht und einem Fußball zwischen den Beinen. Und ich bekomme Angst, fühle mich für ein paar Sekunden urplötzlich bedroht. Es ist dieses Gesicht dieses fröhlichen Jungen, welches ich immer wieder vor Augen habe. Es ist der Rahmen, die Umgebung, die selbst den harmlosen Jungen, der mein Sohn sein könnte, plötzlich gefährlich erscheinen lässt. Ich bin in Juba, der Hauptstadt des Südsudan, in einem Flüchtlingslager. Noch nie hatte ich einen derartigen Gestank erlebt, noch nie hatte ich derartiges Elend gesehen, an einem schwül-heißen Tag vor rund zwei Jahren.

Die Menschen hausen unter Plastikplanen, die UN-Hilfsorganisation hatte die Versorgung mit Latrinen noch nicht ausreichend hinbekommen. Am Rand der Trampelpfade verläuft die Gosse. Dennoch werden auf umgedrehten Getränkekisten am Wegesrand Waren angeboten, rohes Fleisch, von Fliegenschwärmen belagert. Es herrschte laute Geschäftigkeit, Gedränge. Wir mit der Delegation des Ministers waren wie Außerirdische. Eigentlich war sogar die Fröhlichkeit und Neugierde der Menschen bedrückend.

Ich muss in der aktuellen Flüchtlingsdebatte immer wieder an dieses Erlebnis denken. Vor allem weil wir Journalisten so oft über Dinge schreiben (müssen), von denen wir so wenig wissen, so wenig erlebt haben, so wenig nachvollziehen können. Es geht gar nicht darum, dass etwa angesichts des erlebten Elends eindeutige Konsequenzen zu ziehen wären, etwa eine Begrenzung von Flüchtlingsaufnahme abzulehnen. Es geht vielmehr darum, dass sich Journalisten immer wieder der nackten, unbarmherzigen Realität stellen müssen, immer wieder dahin gehen müssen, wo es weh tut, wo auch die eigenen Überzeugungen noch mal angefragt und angegriffen werden. Dann geht es in Deutschland etwa darum, Flüchtlingsunterkünfte zu besuchen, auch parallel-gesellschaftliche Strukturen in Neukölln oder anderswo aufzuspüren. Mein Erlebnis in Juba mahnt mich, dass das Abenteuer Journalismus nicht zu bequem, nicht zu einfach und angenehm werden darf, denn das ist nicht die vordringlichste Aufgabe des Journalisten, es den anderen und sich selbst angenehm zu machen.
Die Delegation hatte zuvor Gespräche mit UN-Vertretern und auch mit Angehörigen der einheimischen Lagerverwaltung.  Der Entwicklungsminister Gerd Müller hatte Fußbälle als Gastgeschenk mitgebracht. Ich fand das zunächst unpassend. Angesichts solcher Not – mit Fußbällen anzukommen – was für eine Banalität. Später dann beim Rundgang schießt der Junge auf mich, mit dem Ball. Ich soll ihn annehmen, zurückschießen.  Doch ich bleibe erschrocken stehen. Ich empfinde Bedrohung, obwohl nichts bedrohlich ist. Ich muss an meine Söhne denken, wie viel besser sie es haben. Doch der Junge denkt gar nicht an das Elend. Er versucht es ein zweites Mal, dann schieße ich zurück. Er jubelt. Ich habe viel von ihm gelernt.

 

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