Tu Felix Austria

GKP-Reise nach Wien, 29.9. – 3.10.2017

Nein, wir haben nicht ganz Österreich besucht, nur  Wien. Wir haben auch keine Heiratspolitik betrieben wie Maria Theresia, die, wie wir jetzt wissen, nie Kaiserin war, nur Gattin eines Kaisers. Aber wir haben eine  Stadt kennen gelernt, die zur Hauptstadt zu haben ein Land sich glücklich preisen darf. Denn Wien hat

  • Geschick in der Politik
  • Gradlinige Kollegen in der Publizistik
  • Glaubwürdige Leute in der Kirche
  • Grandezza in der Kultur
  • Geschmack auf dem Teller und im Glas
  • Und Wien hat vor allem: Golli Marboe,einen großartigen Interpreten der Geschichte und  Gegenwart seiner Heimatstadt. Und der ist Mitglied unserer GKP und hat uns vier Tage lang seine Stadt,  seine Freunde und sein journalistisches Ethos so nahe gebracht, dass einige schon Wien II planen.

Politik

Wien ist Gastgeber für über 40 internationale  Organisationen: UNO, OSZE, die Atomenergie
Organisation IAEO und viele damit Verbundene, dazu ca. 250 NGOs. Und Wien hat an seiner
WirtschaftsUniversität (www.wu.ac.at) einen  Professor für NPOs, Non Profit Organisations, Michael
Meyer. Der zeigte uns den nicht nur architektonisch  beeindruckenden Campus, sondern gab auch
Einblick in seine Arbeit über zivilgesellschaftliche Organisationen, arbeitsintegrative Betriebe und
cross-sector partnerships (zwischen profit und non-profit).
Dort sprach auch Johannes Hahn zu uns, der frühere Wissenschaftsminister Österreichs und jetzige EU- Kommissar für Nachbarschafts- und  Erweiterungsverhandlungen. Spannend seine
Themen wie der Ost-West-Konflikt in der Asyl- und  Migrantenfrage, die Demokratisierung durch
wirtschaftlichen Aufschwung vor allem im  Westbalkan, seine Charakterisierung der drei
wichtigsten „Nachbarn“ (und eben nicht  Beitrittskandidaten) Europas: Türkei, Ägypten und
Ukraine. Auf alle die Misserfolge seiner Arbeit angesprochen,  bekannte Hahn: „Ich halte es mit Camus ́ Sisyphus:  Die Steine rollen immer wieder herunter, aber ich  bin trotzdem glücklich.“
Ein Vertreter der OSZE machte uns mit der ganzen  Bandbreite dieser Organisation vertraut, die wir im  Moment fast nur aus ihren (oft vergeblichen)  Einsätzen in der Ukraine kennen. Auch die Freiheit
der Medien ist ein wichtiges ihrer Arbeitsfelder.  Bezüglich der Effizienz ihrer Tätigkeit musste der
Hinweis auf die "klassische Diplomatie im  Hintergrund " genügen und der Verweis auf die  notwen- dige Einstimmigkeit der 57 Mitgliedsstaaten. Das Außenministerium, nein: „Ministerium für Europa, Integration und Äußeres“ präsentierte sich  gekonnt und sympathisch; sein Chef, Sebastian Kurz, freilich stand im Wahlkampf, seine Partei, die ÖVP,  ganz auf seine Person zugeschnitten, im Aufwind,  auch weil die SPÖ sich gerade einen Skandal mit  Fake News leistete, den der Generalsekretär  politisch nicht überlebte: Politik life gewissermaßen,  nicht nur gespiegelt von Pressesprechern und  Wissenschaftlern.

Publizistik

Natürlich galt unser publizistisches Interesse vor  allem den Kollegen in der Arbeit mit Kirche(n) und Religionen. Beim  ORF trafen wir Gerhard Klein, einigen von uns ein  alter Bekannter, inzwischen Hauptredaktionsleiter  „Religion, Zeitgeschehen und Wissenschaft“. Seine  teils tief schürfenden, teils eher wienerisch saloppen Nachdenklichkeiten über den Religionsjournalismus  fasst er selbst zusammen: kritische Distanz und  respektvolle Nähe. Daraus folge für das Programm:  Es sei: 1)attraktiv, aber nicht um jeden Preis, weil  2)substantiell, 3) unabhängig und 4) engagiert.

Unserem Drang über das Kirchliche hinaus gab er nach und führte uns kurzerhand in die Redaktions- sitzung von ZiB 2, bei uns in Deutschland  zu sehen auf 3sat montags bis freitags um 22 Uhr.

Redaktionsleiter Wolfgang Wagner nahm sich auch  an einem ereignisreichen Nachrichtentag (nach dem Referendum in Katalonien, Attentat in Las Vegas)  Zeit für Themen vom Verhältnis der deut- schen  AfD  zur österreichischen FPÖ über Redaktionsstatuten  und Konflikte im Sender bis hin zu Fragen der  (ethischen) Haltung im tagesjournalistischen Geschäft.

Ein journalistisches Schmankerl eigener Art  bescherte uns unser Programmdirektor Golli in der Begegnung mit Florian Skrabal und Hannah Zach  von „DOSSIER“, einer Plattform für investigativen Journalismus mit Themen, die andere Medien,  öffentlich-rechtlich oder wirtschaftsabhängig, nicht oder zu wenig aufgreifen: Inserate in Zeitungen durch Ministerien und Parteien;  Steuerverschwendung; Geldwäsche,  Glückspielindustrie. Eine Adresse, die man sich  merken sollte: www.dossier.at

Auch  kirchliche Publizistik sollte nicht zu kurz kommen: Michael Prüller, Pressesprecher der Erzdiözese Wien und ihres Oberhirten, interpretierte  vorher, was uns später sein Chef persönlich sagen konnte, s.u. Eine interessante, der persönlichen und  kritischen Weiterverfolgung empfohlene Strategie  beschrieb er mit der Praxis der „Besetzung“  wichtiger Begriffe im Internet durch z.B. www.kirchenaustritt.at oder  www.abtreiben.at.

„Wichtigster Medienkommunikator der Kirche  Österreichs“ in den Worten unseres Medienkommunikators Golli Marboe, ist Paul Wuthe,  Medienreferent der Österreichischen  Bischofskonferenz und Chef von www.kathpress.at, dem Pendent zu unserer KNA. Natürlich dominierten hier zunächst die Vorgänge um sexuellen Missbrauch durch Priester bis hin zum „Fall“ des früheren  Erzbischofs, Kardinal Groer, das (nicht erfolgreiche)  Volksbegehren gegen Kirchenprivilegien, heute  besonders die Flüchtlingsproblematik, in der sich die katholische Kirche in  Österreich, auch in der Gestalt der Caritas, sehr eindrücklich auf das Evangelium  beruft und Stellung bezieht, auch wenn ihr das gelegentlich den Vorwurf der Komplizenschaft an derIslamisierung Europas einträgt.

Ein eigenes Kapitel kirchlicher Publizistik erlebten wir  als Gäste des 60. Jubiläums des „Verbands katholischer  Publizistinnen und Publizisten in Österreich“ ( www.kath-publizisten.at ), unserer Schwesterorganisation, die uns  ja bei unserer letzten Mitgliederversammlung in Passau so geschwisterlich besucht hat.

Kirche

Kardinal Schönborn, noch am Vormittag des  Abreisetags zum gut einstündigen Gespräch mit der GKP bereit, bestätigte nicht  nur seinen Sprecher, sondern konnte auch sehr persönlich über Themen wie die Stimmung in der  katholischen Kirche Österreichs nach dem Skandal um seinen Vorgänger berichten, zu Themen – in der  Manier der Hintergrundgespräche – sprechen wie Verhältnisse in der CCEE, der Europäischen Bischofskonferenz mit ihren Spannungen zwischen  ost- und westeuropäischen Bischöfen, Spannungen  um die Linie Papst Franziskus` im Vatikan usw. Sehr  überzeugend (für den Berichterstatter) war sein  Handling der Aufarbeitung und Prävention von  Missbrauchsfällen und seine nicht nur nominell an  der Mission ausgerichteten Pastoral in Zeiten des  schwindenden öffentlichen Einflusses: „mission first“.

Der eigentlich überraschendste Einblick in das Leben der österreichischen Kirche war schon gleich am  ersten Tag erfolgt. Golli brachte uns mit Annemarie  Frenzl zusammen, der ehemals engsten Mitarbeiterin von Kardinal König. Wie diese Dame uns nicht nur einige geheime Ecken des Stefansdoms nahebrachte, sondern in Leben und  Geist dieses großen Konzilsvaters einführte, seine weltoffene Weite im Dialog der Traditionen und  Religionen, seine feinfühlige Art des Umgangs mit schwierigen Mitbrüdern im Bischofsamt und  schließlich seine tiefe und einfache Frömmigkeit, das war nicht nur aus dem Nähkästchen geplaudert,  sondern, in den Worten eines Kollegen, Einblick in den „Maschinenraum der jüngsten Kirchengeschichte“.

Kultur

Wie nahe, gerade in Österreich, Kirche und Kultur  beieinander sind, das zeigte uns der Besuch im – noch gar nicht eröffneten – neuen Dom Museum von Wien: auch hier, wie mancherorts in Deutschland  auch, der Versuch, alte Kunst, Pretiosen wie  Monstranzen und Madonnen, einem modernen  Publikum nahe zu bringen. Oder aber, und das war  der spannendere Teil, einer Sammlung modernster  Kunst wie der von Prälat Otto Mauer zusammengetragenen einen Ort der Präsentation zu bieten,  der sie präsent macht in der Wiener Kirche und Kultur.

Der Prälat hat einen Nachfolger, P. Gustav Schörghofer SJ, der uns die Sonntagsmesse hielt und danach zum Gespräch da war, in dem er aus seiner  Erfahrung den Beitrag moderner Künstler – er nannte Kurt Schwitters – zur einer heutigen  Gottsuche berichtete: durch die Gestaltung von Abfall, von Stille (in der Musik) und Leere (in seiner  Kirche in Hiezing) verweise sie auf einen Aspekt Gottes, der ja auch in der Lehre und Praxis Jesu eine  wichtige Rolle spiele. Aber Wien ist natürlich auch Staatsoper und  Museums Quartier und vor allem Belvedere, und  Golli wäre nicht Golli, hätte er uns diese Perlen der  Kultur Wiens nicht in einer Weise vorgestellt, die man eben als einfacher Tourist nicht so erleben  kann. Sei es durch besondere „Kulturvermittler“ – die selbst Teil der Performance des Wiener  Kunstgeschehens waren -, sei es allein durch die Schilderung der eigenen Teilnahme am Wiener Opernball, kam uns die Grandezza der Wiener Kultur  so nahe, dass zumindest für einige Teilnehmer dieser GKP Reise „Wien II“ schon am Horizont schimmert.

Küche und Keller: Sogar die Mahlzeiten waren Teil der  Kulturvermittlung, die wir genießen durften. Nichts fehlte: nicht der Tafelspitz im Kaffeehaus, nicht der Heurige beim Wambacher in Hiezing, das Backhendl im Wienerwald. Sacher und Demel freilich mussten  persönlich nachgearbeitet werden.

Auch das Hotel, www.magdas.at, war Teil der  Präsentation Wiens: betrieben von der Wiener Caritas, arbeiten dort Profis mit Flüchtlingen aus aller Welt zusammen und schaffen eine Atmosphäre,die dem Ziel unserer Reise sehr förderlich war. Auch hier muss der letzte Satz  Golli Marboe gelten: nicht nur dem Dank für eine perfekte Organisation  der Reise und der Hoffnung auf eine wie immer geartete Fortsetzung, sondern mehr noch seinem  publizistischen Anliegen, wie er es in seinem Verein  zur Förderung eines selbstbestimmten Umgangs mit  Medien ( www.vsum.tv ) betreibt: einen Journalismus mit Haltung, der die Nutzer ernst nimmt.

Klaus Schmidt

 

 

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