Veltins-Arena auf Schalke

Christian Frevel mit Vorstandsmitglied Josef Schnusenberg

Christian Frevel mit Vorstandsmitglied Josef Schnusenberg

 


Beten im Schalker Fußballtempel
Im WM-Jahr wird die 500. Taufe in der Stadion-Kapelle erwartet
Von KNA-Redakteur Christoph Arens
Gelsenkirchen (KNA) Für solche Gebete hat der evangelische Pfarrer Hans-Joachim Dohm nicht so viel Verständnis: "Schalke unser im Himmel / verteidigt werde Dein Name / Dein Sieg komme / wie zu Hause so auch auswärts..." Dabei lägen flehende Bitten an den Fußballgott doch nahe in der kleinen Kapelle im Herzen der Schalker "Veltins-Arena", die der 61-jährige Theologe zusammen mit seinem katholischen Amtsbruder Georg Rücker betreut. Doch Dohm, der von Sonntag bis Freitag Pfarrer der Kirchengemeinde Gelsenkirchen-Bismarck und samstags Geistlicher Beistand des FC Schalke ist, will von solcher Magie nichts wissen. Er tut alles, damit der Gebetsraum nicht "zu einer Vereinskapelle" und zu einer "magischen Zauberbude" wird.

Vor fünf Jahren wurde die 192 Millionen Euro teure Schalke-Arena eingeweiht, als Deutschlands modernstes Stadion mit verschließbarem Dach und einem Rasen, der wie eine Schublade heraus- und hereingezogen werden kann. Dazu gehört auch Deutschlands erster und bislang einziger Gottesdienstraum in einem Stadion. Ein kleines Heiligtum mitten in der Fußballkathedrale, die auf einem Hügel im Gelsenkirchener Industriegebiet thront.

"Nicht die Kirche, sondern Schalke hat diese Kapelle gewollt", lobt der bärbeißige Pfarrer, der an diesem Tag einer Gruppe Jugendlicher Konfirmandenunterricht in dem hellen, rund 70 Quadratmeter großen Raum erteilt. Den Vereinsschal des FC Schalke 04 hat er so um den Hals gelegt hat, als handele sich um die Stola eines Geistlichen. Das Konzept des Gebetsraums beschreibt er so: In einem Stadion, in dem man ganz aus sich heraus geht, wo die Fans Himmel und Hölle erleben, sollte ein Ort geschaffen werden, an dem sie ganz zu sich kommen können.

Und wirklich sei der Raum, der sich in direkter Verlängerung der Mittellinie am Ende des Spielertunnels unter der Haupttribüne befindet, zu einem Ort der Begegnung und Ruhe geworden, berichtet der Theologe. Schalkes Vizepräsident und Schatzmeister Josef Schnusenberg weiß, dass mittlerweile auch einige Spieler das Angebot nutzen. Für ihn ist die Kapelle ein Zeichen dafür, dass sich der von manchen Fans geradezu vergötterte Profiverein seiner sozialen und gesellschaftlichen Verantwortung stellt.

Seelsorge statt Kicker-Kult: Die Kapelle ist kein Fußball-Tempel mit Pokalen und Trophäen in Vitrinen. Statt der Vereinsfarben Blau und Weiß dominieren Kontraste in Schwarz und Weiß. Wer den Raum betritt, durchschreitet auf dem Weg zu einem kleinen Altar aus Glas und Metall eine Kreuz-Form. Die Rückwand des Raumes wird von elf hohen Steelen eingenommen, auf denen sich die Farben Schwarz und Weiß in unterschiedlicher Intensität und bisweilen in wilden Spiralformen begegnen. Symbole für Tod und Leben, Freude und Trauer - Gefühle, die auch in so manchem Fußballspiel intensiv durchlebt werden.

Wichtig ist Dohm, dass viele Menschen von außerhalb das Angebot nutzen. Zwischen 100 und 150 evangelische und katholische Paare haben sich bisher in der Arena-Kapelle trauen lassen, die 500. Taufe wird für dieses Jahr erwartet. Die meisten Elternpaare und Brautleute sind nicht mal Schalke-Fans. Kaum einer von ihnen besitzt eine Dauerkarte. "Wir sprechen Menschen an, die einen niederschwelligen Zugang zur Kirche suchen", berichtet der Pfarrer, der auch Vorsitzender des Ehrenrats des Fußballclubs und dessen Behindertenbeauftragter ist. "Taufe light" und Eheschließung ohne Vorbereitung seien allerdings bei ihm nicht drin.

Ob die Kapelle auch bei den WM-Spielen auf Schalke für die ausländischen Profis geöffnet sein kann, weiß Dohm noch nicht. "Wir werden uns bemühen", meint er, "doch der Weltfußballverband hat während des Turniers das alleinige Sagen im gesamten Stadionbereich." Sicher aber wollen sich die Kirchen in Gelsenkirchen wie an anderen Austragungsorten mit einem ökumenischen Gottesdienst und Aktionen auf der WM-Meile am Programm beteiligen. Das Konzept der Stadionkapelle hat übrigens schon Nachahmer gefunden: In Berlin soll noch vor Abschluss der Saison ein Gottesdienstraum im Olympiastadion eingeweiht werden.
 

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