Dummheit war seiner Meinung nach Sünde

P. Albert Keller als Philosophieprofessor
von Michaela Pilters
Einem Professor widersprechen? Und das ausgerechnet im Examen! Nicht in jedem Fall geht das gut. Aber wenn der Professor Pater Keller heißt, dann war es fast die Garantie für eine bestandene Prüfung. Denn Pater Keller wollte nie, dass seine Studenten ihm nach dem Mund reden oder nur Auswendiggelerntes nachplappern.

Bei ihm Erkenntnislehre zu studieren war eine ganz besondere Herausforderung. Man musste sich einbringen, mitdenken, mitdiskutieren - auch in der Vorlesung, die nie ein Frontalunterricht war, sondern immer Diskurs. Und so brachte mir die gut begründete abweichende Meinung das Prädikat „sehr gut“ bei der Abschlussprüfung ein.

Ich hatte mich entschieden, mein Philosophiestudium, das für die Theologie notwendig war, nicht an der Ludwig-Maximilians-Universität zu belegen, sondern an der benachbarten Hochschule für Philosophie der Jesuiten. Diese Wahl habe ich nie bereut, denn bei den Jesuiten ging es nicht nur familiärer zu, sondern auch intensiver. Das Philosophieren war mit Lust am Denken verbunden, und die Professoren förderten ihre Studenten nach Kräften. Der Ton war eher leger in den 70erJahren, auch der Umgangsstil. Ein Highlight des Studiums wurden für mich schnell die Lehrveranstaltungen von Pater Albert Keller. Dieser kam in seiner Strickjacke in die Hochschule, und auch der Stil seiner Vorlesungen war eher hemdsärmelig. Aber er eröffnete uns neue Gedankenwelten, brach mit Klischees und regte uns an zu eigenem Philosophieren. Geduld war nicht seine Stärke, vor allem wenn er (Denk-)Faulheit bei seinem Gegenüber vermutete. Dann konnte er auch Poltern und Provozieren. Denn Dummheit war seiner Meinung nach Sünde. Er liebte die klare Sprache, kräftige Bilder und Vergleiche aus dem alltäglichen Leben. Wie Sokrates war er der Meinung, dass die Philosophie Lebenshilfe geben kann, dass sie Hebammenfunktion hat für das Denken.

Auch in der Theologie war ihm die Eigenständigkeit des Intellekts wichtig. Bei aller Loyalität blieb er ein kritischer Geist, dem nichts so verhasst war wie Gedankenlosigkeit und mangelndes Kritikvermögen. Er liebte die Freiheit, und dennoch nahm er das Gehorsamsgelübde seines Ordens sehr ernst.

In der GKP ist mir dann mein Philosophieprofessor von damals wieder begegnet, als geistlicher Beirat und Partner in der Vorstandsarbeit. Er war ein Streiter für eine offene Kirche, intellektuell anstrengend und allergisch gegen unsaubere Argumentation. Bei Rotwein und Zigarre lief er zu Höchstform auf. Wir verdanken ihm unendlich viele Impulse, geistig und spirituell, für die ich ihm immer dankbar bleiben werde. Seine Stimme fehlt uns.

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