Die Freiheit des Denkens hat er über alles gestellt

von Max Kronawitter

Schon als Junge ist er zur Philosophischen Hochschule nach Frankfurt gefahren, um sich Fragen beantworten zu lassen, auf die seine Lehrer keine Antwort hatten. Hartnäckig hat er so lange an der Pforte gewartet, bis sich ein Professor bereit erklärte, mit ihm zu diskutieren. Den Dingen auf den Grund zu gehen hat Albert Keller nicht mehr losgelassen. Nicht als Jesuit, nicht als Priester und erst recht nicht als Professor und Philosoph.

Pater Keller war ein Grübler. Aggressiv hat es ihn gemacht, wenn er das Gefühl hatte, dass zu wenig gedacht wird. Die Freiheit des Denkens hat er über alles gestellt. Denkverbote haben ihn auf den Plan gerufen. Als Mitverfasser der so genannten Kölner Erklärung hat er mit über 100 Kollegen gegen die Tendenz in der Kirche rebelliert, nur noch linientreue Theologen an Universitäten zu berufen. Als Philosoph und Sprachwissenschaftler wusste er um die Relativität allen kirchlichen Redens.

Pater Keller war kein Mann der leisen Töne. Mit Wucht hat er in seinen Predigten ein Gottesbild kritisiert, das Gott als eine Art „Feuerwehrmann“ mißversteht, der immer dann gerufen wird, wenn es brennt. Seine kraftvolle Sprache, aber auch seine Leidenschaft, mit der er für seine Überzeugung eingetreten ist, haben ihn zum berühmtesten Prediger Münchens gemacht. Mit Klappstühlen sind die Menschen in seine Gottesdienste gepilgert, haben an seinen Lippen geklebt, wenn er wie einst Rupert Mayer auf die Kanzel stieg.

Pater Keller war alles andere als ein abgehobener Intellektueller. In seinem Kloster war er in Lederhose unterwegs. Als Feldgeistlicher der Gebirgsschützen marschierte er in alpenländischer Tracht, um dann 5000 Kameraden samt Ministerpräsidenten zu erklären, wie er christliche Tradition versteht.

So laut er auch sein konnte, so angrifflustig er über Mitdiskutanten hergefallen ist, Pater Keller hatte auch etwas sehr weiches, das viel freundschaftliche Nähe zugelassen hat. Und er lebte – das hat ihn so glaubwürdig gemacht - aus einer tiefen Gottesbeziehung. Eine Beziehung, die ihm so wesentlich war, dass er oft noch nachts im Hotelzimmer seinen kleinen Kelch aus dem Köfferchen holte, um still für sich die Hl. Messe zu feiern. Für diese Sehnsucht nach Wahrheit hat er gelebt. Am Abend des 5. Juli ist er gezeichnet von Krankheit dorthin gegangen, wo diese Wahrheit keiner Deutung mehr bedarf.

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