Dafür gibt es doch Kanzeln...

P. Albert Keller als Prediger
von Alfons Harms

Meine Frau zitierte den Karl Valentin leicht abgewandelt: „Im Leben halb belohnt ist der schon – der in München wohnt“, und zeigte auf ein Plakat an der Jesuitenkirche St. Michael in der Münchner Fußgängerzone. Dort stand, wer wann in welcher Messe predigt. Prediger-Auswahl? Unglaublich für uns, die wir vorher lange in der tiefsten Diaspora bei Hamburg gewohnt hatten und stets nur einem einzigen Pfarrer im riesigen Umkreis lauschen konnten. “Werden die hier verwöhnt“, staunte ich. „Und schau“, sagte meine Frau, „Sonntag predigt Pater Keller. Um 9 Uhr.

“Ui, da müssens aber recht früh do san“, spricht uns eine Frau an. Bei Pater Keller sei es immer sehr schnell voll.

Wir wohnten neu in Wolfratshausen, zirka 30 Kilometer südlich von München. Egal, für eine Predigt von Pater Keller lohnt sich auch eine lange SBahn- Fahrt. Also düsten wir früh los, waren wg. der Mahnung der Frau schon um 8.15 in St. Michael. Es gab noch viele freie Plätze. Also weit nach vorn! Wir wollten den Pater, den Sprachphilosophen Professor Dr. Albert Keller ja gut sehen und hören – wussten nach vielen Begegnungen und gkp-Einkehrtagen von seiner rethorischen Begabung, jedes Wort ist wichtig.

Eine Viertelstunde später war die Kirche gefüllt. Die Besucher stiegen sogar auf die Empore, standen dicht gedrängt in den Gängen, einige hatten Klappstühle mitgebracht – es war weder Weihnachten noch Ostern, ein ganz normaler Sonntag. Zirka 2500 Gläubige warteten auf den Beginn der Messe.

Endlich, 9 Uhr, Einzug der drei Konzelebranten, Messdienerinnen und so weiter. Dann, eine Nonne trug die Lesung vor - stand Pater Keller auf und ging in die Sakristei. Was ist los? Ist ihm nicht gut?

Das Evangelium wird von einem Pater vorn vom Altar aus vorgetragen. “Im Namen des Vaters...“ hörten wir dann die Stimme von Pater Keller. Jedoch nicht nah bei uns an unseren vorderen Plätzen. Sondern: Der Prediger Keller stand - wo gibt es denn so etwas noch? – hinter uns hoch auf der Kanzel und redete in seinem Stil mal donnernd und mal flüsternd, nicht schmusend oder ölend zu uns Gläubigen. Er zerflückte Alltagsgedanken, kritisierte, wo es nach gründlichen Nachdenken etwas zu kritisieren gab.

So war Pater Keller. Mitten drin. Im Volk, in der Kirche, im Leben. Nach der Messe begrüßte er jedes Mal draußen vor der Kirche viele Bekannte. Wir sprachen ihn auf die Kanzelpredigt an, so etwas hätte ich seit meiner Messdienerzeit nicht mehr erlebt. Na ja, nicht ganz so lange war es her. Pater Leppich wetterte ja auch oft von oben, und sei es auf einem Autodach stehend. Pater Keller schmunzelte nur in seiner netten Art und sagte: „Dafür gibt es doch Kanzeln...“ Ob er damit vielleicht sagen wollte, nur so könne auch abgekanzelt werden, wagte ich nicht zu fragen. Oft hörte ich, wie ihm nach der Messe jemand Komplimente machen wollte in der Art: „Das war heute wieder super, stärkt meinen Glauben...“ Dann schmunzelte Pater Keller wieder nur. Was soll ein Könner auch sagen, wenn ihm jemand bestätigt, dass er es kann.

War es ihm gesundheitlich möglich, predigte Pater Keller einmal im Monat in der großen St. Michaels-Kirche. Wir erlebten ihn bei einem Thema einmal weinend, manchmal regelrecht engagiert schreiend. Er las nie vom Blatt ab, nahm aber auch kein Blatt vor den Mund. Die Gläubigen hörten stets sichtbar konzentriert zu, einmal klatschten sie sogar kräftig Beifall. Ich ertappte mich bei dem Gedanken, ob seine Mitbrüder auf diesen genialen Prediger wohl ein ganz klein wenig eifersüchtig sind. Oder einfach nur stolz.

Wir hatten besonderes Glück, denn manchmal predigte Pater Keller auch in unserer Kirche in Wolfratshausen. War das Wetter gut, saß er vor der Messe in Trachtenhut und Trachtenjanker auf der Bank vor der Kirche und plauderte freundlich, belehrte zum Beispiel uns Preißen, dass nach einer Wanderung zuerst ein Bier gegen den Durst und erst dann ein Weißbier zum Genuss getrunken wird.

Ernster war es oft nach der Messe. Da wollten die Kirchenbesucher oft, tja, Theologisches wissen. Einmal – daran erinnere ich mich nun besonders – wurde er gefragt: Warum ist Jesus eigentlich vor rund 2000 Jahren auf die Erde gekommen, um uns zu erlösen? Warum nicht 500 Jahre früher oder 1200 Jahre später? Vermutlich wurde nun von einem Jesuiten eine tiefgründige Antwort mit großem theologischen Überbau erwartet. Pater Keller aber strich sich nur durch den Bart und sagte: „Das werde ich erst wissen, wenn ich beim lieben Gott bin...“

Druckversion

AddThis

|||||