Roland Juchem: Das große Abenteuer steht uns Journalisten noch bevor

Roland Juchem (55) arbeitet seit 2004 in der Zentralredaktion der Verlagsgruppe Bistumspresse als stellvertretender Chefredakteur. Vorherige Stationen waren die KirchenZeitung für das Bistum Aachen (1995–2004) sowie Kirche + Leben, Münster (1988–1995). Dort und beim Institut für publizistischen Nachwuchs (Ifp) hat er auch volontiert. Der diplomierte Theologe und Pädagoge ist seit 27 Jahren verheiratet und Vater von vier erwachsenen Kindern.

Wie so mancher Kollege, der vor mir für diese Rubrik geschrieben hat, tue ich mich schwer, von Abenteuern in meinem Beruf zu sprechen. Ist der Journalismus, den ich erlebe, doch viel mehr ein Handwerk, das immer wieder eine Portion Kreativität verlangt (natürlich nicht bei den Fakten).

Dennoch ist es sicher reizvoll, nach 28 Jahren im Beruf auch nach den Abenteuern im eigenen Berufsleben zu fragen. Bei den Medien, für die ich bisher gearbeitet habe, zählen dazu sicher Reisen mit kirchlichen NGO’s. Die Abende in einem kirchlichen Bildungshaus in der nigerianischen Stadt Jos, wo es wenige Tage zuvor nach Zusammenstößen Tote und Verletzte gegeben hat. Wenn beim Abendessen Soldaten mit geschulterter MP am Nebentisch sitzen und hin und wieder einen Gang über den Komplex machen. Der Besuch auf einer unübersehbaren Müllhalde in Nairobi, wo Geier, aasfressende Marabus und 13-jährige Mütter mit ihren Babys auf dem Rücken nach Verwertbaren suchen. Sie sammeln dabei unter anderem Aluminiumschalen mit dem Aufdruck „Lufthansa“; aus solchen hatte ich selber beim Hinflug zwei Tage zuvor noch gegessen. Die Gespräche mit Menschenrechtsanwälten in Guatemala, die Oberschenkelknochen und Schädel aus Schuhkartons holen und uns dabei erklären, warum sie versuchen, für diese Toten noch einen Rest Gerechtigkeit zu erstreiten.
Bei solchen und ähnlichen Begegnungen beschleicht mich mitunter das Gefühl: Sind wir Erste-Welt-Journalisten nicht auch so etwas wie Rohstoffsammler, die aus dem Elend anderer „geile Geschichten“ machen? Doch umgekehrt: Was wäre, wenn niemand vom Schicksal und dem Einsatz dieser Menschen erführe?
In gewisser Weise abenteuerlich sind auch manche Leserreaktionen: Vom anonymen „Du A…fi…“-Leserbrief auf eine große Story über Homosexuelle und ihr Ringen mit dem Glauben und der Kirche. Bis hin zu sehr persönlichen Dankesworten, weil ein Beitrag über den christlichen Auferstehungsglauben Lesern in ihrem Ringen mit ihrem eigenen Glauben weitergeholfen hat.
Gleichwohl glaube ich, dass uns Journalisten ein richtig großes Abenteuer, ja eine Herkulesaufgabe erst bevorsteht. Das heißt: Sie hat schon begonnen: der Kampf um die Glaubwürdigkeit unserer Arbeit. Wenn lästernde, von Fakten weitgehend unbehelligte „Berichterstattung“ so etwas wie den Brexit bewirken kann, wenn ein US-Präsidentschaftskandidat und einige seiner weniger abgedrehten Parteikollegen behaupten können, der Ausgang der diesjährigen Wahl werde von Medienkampagnen bestimmt, wenn staatlich gelenkte oder doch geduldete Propagandatrolls sowie „Lügenpresse“-Schreihälse eine wesentliche Grundlage unserer Gesellschaft – das Vertrauen in den offenen, kritischen Diskurs – untergraben, dann steht viel auf dem Spiel.
Dann besteht das Abenteuer Journalismus in der Kunst, ohne Showeffekte, aufgeputschte Belanglosigkeiten und zu viel Überspitzung, wirklich relevante Informationen so unter die Menschen zu bringen, dass sie diese auch wahrnehmen wollen. Wem das gelingt, ist kein Abenteurer, aber ein Held unserer Zunft.

 

 

 

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