Kuhhandel im Schloss

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung bezeichnet ihn als „von allen guten Geistern verlassen“. „Ungeheuerlichkeit“ nennt es das Hamburger Abendblatt. Deutschlands Kolumnisten sind sich einig: Christian Wulff, Bundespräsident der Bundesrepublik, hat einen fatalen Fehler gemacht, als er – um eine unliebsame Berichterstattung zu verhindern – mehrere Verantwortliche großer deutscher Zeitungen angerufen und zum Teil bedroht hat.

Ein Kollege (Journalist) empfiehlt, dass alle Journalisten doch Anzeige wegen Nötigung gegen den Bundes-präsidenten erstatten sollen. Andere übertreffen sich in immer neuen satirischen Darstellungen oder Nachempfinden des Wulff-Anrufs (u.a. WDR).Es werden Wetten auf das Rücktrittsdatum angenommen (Radio Hamburg).

Um Eines festzuhalten: Das Verhalten von Christian Wulff ist unwürdig, unglücklich, ungeschickt, wahrscheinlich dumm. Das Verhalten des Bundespräsidenten ist bedenklich im Hinblick auf die Pressefreiheit. Ob es seinen Rücktritt rechtfertigt, wage ich nicht zu beurteilen.

Allerdings offenbart sich in dieser ganzen „Affäre“ eine – leider – scheinbar allzu übliche Praxis: eine Hand wäscht die Andere. Unter der Oberfläche. Im Hintergrund läuft der Kuhhandel.

Der Politiker oder Prominente bietet den Medien eine Geschichte (womöglich exklusiv) und bekommt wohlwollende Berichterstattung. Wohlwollende Berichterstattung über die Trennung von der Ehefrau – gegen Exklusivität.

Es entstehen verzerrte, geschönte Berichte, die von einer Mehrheit der Leser/Hörer/Zuschauer für bare Münze genommen werden. Eine Praxis, die im Nebel der Schlagzeilen, geduldet und/oder ignoriert wird. Und solche „Kuhhandel“ machen – so können wir sicher sein – nicht nur Boulevard-Medien, die hier oft als Exempel statuiert werden. In der aktuellen Debatte findet die Braunschweiger Zeitung eine treffende Bezeichnung: „So trifft schlechter Stil des Absenders auf schlechten Stil des Adressaten“.

Mir erscheinen das laute „Geschrei“ der Kolumnisten, die größer werdenden Überschriften und Sondersendungen, die immer längeren Rücktrittsforderungen nicht ganz so ehrlich, wie wir es als mündige und hoffentlich kritische Menschen erwarten dürften.Sich jetzt als Moralapostel aufzuspielen, empört auf das Schloss Bellevue zu zeigen und im nächsten Moment schon eine weitere „Absprache“ mit einem anderen Politiker, Prominenten zu treffen, zu taktieren, halte ich für unehrlich, ja scheinheilig.

Wir brauchen eine starke, unabhängige Presse, die den Finger in die richtigen Wunden legt. Die aufmerksam ist und „Laut gibt“, wenn es nötig ist. Wir brauchen einen Bundespräsidenten, der eine große charakterliche Stärke besitzt und stark in seinen Worten und Werken ist.

Und wir brauchen die eigene Kritikfähigkeit, müssen sie uns erhalten und auch bei einem Gleichklang der Medien, die Fähigkeit bewahren, zu hinterfragen. Und vielleicht der schiefe Ton im großen Chor der Empörung sein.

Matthias Montag

Zur Kommentar-Seite in den GKP-Informationen 01/2012

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