„...wir wissen, dass alle Ankunft uns gehört“

Bruder Paulus Terwitte, Kapuziner und seit März 2006 geistlicher Beirat der GKP, schreibt einmal im Monat unter dem Titel "Mittel.Punkt" ein Wort der Besinnung, das auf der letzten Seite der Mitgliederzeitschrift „GKP-Informationen“ abgedruckt wird. Im Dezember 2011 beschäftigt er sich mit der adventlichen Vision der Apokalypse:

„Der auf dem
Thron saß,
sprach: Siehe, ich
mache alles neu!“
(Offb 21,5)

So fängt das mit dem Advent an: „Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde, denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen… und der auf dem Throne saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu!“ (Offb, 21.1.5) Diese apokalyptische Vision setzt ins Bild, was heutige Theologie mit der Redewendung „Gottes Sein ist im Kommen“ (vgl. E. Jüngel, Gott als Geheimnis der Welt) meinen dürfte. Dieses theologische Hilfskonstrukt wird jedes Jahr wieder belebt, wenn es gegen Weihnachten zugeht. Denn „Advent“ suggeriert unweigerlich Vorstellungen von Ankunft, Ankommen, Heimsuchen. Und die Glaubensantwort auf dieses göttliche Angebot ist Erwartung und Hoffnung. Damit einher gehen aber auch Enttäuschung und Resignation: Es braucht viel moralische Kraft, um über eine lange Zeit eine Hoffnung am Leben zu erhalten; meist wird sie nicht (wenigstens nicht auf die erwartete Weise) erfüllt.

Wolfgang Borchert (Erzählung: „Generation ohne Abschied“) formt einen Text in der Nachkriegszeit, der das zwiespältige Lebensgefühl auch unserer Zeit trifft: „Wir sind die Generation ohne Bindung und ohne Tiefe. Unsere Tiefe ist der Abgrund. Wir sind die Generation ohne Glück, ohne Heimat, ohne Abschied … Wir sind die Generation ohne Heimkehr, denn wir haben nichts, zu dem wir heimkehren könnten, und wir haben keinen, bei dem unser Herz aufgehoben wäre – so sind wir eine Generation ohne Abschied geworden und ohne Heimkehr.“ Hier wird überdeutlich artikuliert, was viele unserer Zeitgenossen bedrängt, was sie aber oft auch verdrängen: Es gibt keine Möglichkeit, sich einzurichten in der Geschichte. Sie drängt so unaufhaltsam und immer schneller vorwärts. Es gibt kein Zurück in der Zeit, und die Zeit nimmt uns aus den Händen, was wir so sicher zu besitzen glaubten – ohne dass wir uns verabschieden könnten. Wir haben keine bleibende Stätte, sind ohne Abschied und ohne Heimkehr!

Diese Erfahrung ist nicht neu – höchstens radikaler heute als früher. Sie wird auch in den Psalmen äußerst realistisch artikuliert; z.B. „Hilf mir Gott! Schon reicht mir das Wasser bis an die Kehle. Ich bin in tiefem Schlamm versunken, habe keinen Halt mehr“ (Ps 69,2). Wir alle kennen dieses Lebensgefühl der Desorientierung, des Verlustes an Halt; es kann uns anfallen, wie aus heiterem Himmel, den einen mehr, den andern weniger.

Aber die Psalmen lehren uns auch das andere: „Gott kommt von Teman her, der Heilige kommt vom Gebirge Paran“ (Hab 3,3) oder „Vom Zion her, der Krone der Schönheit, geht Gott strahlend auf. Unser Gott kommt und schweigt nicht“ (Ps 50,2). Nur ist diese Ankunft Gottes ein „Fascinosum“ und „Tremendum“, ein Geheimnis, das uns packt und fesselt und gleichzeitig in größten Schrecken zu versetzen vermag, wie das die gleichen Psalmen auch wissen. „Unser Gott kommt und schweigt nicht; Feuer frisst vor ihm her; um ihn stürmt es gewaltig. Dem Himmel droben und der Erde ruft er zu, er werde sein Volk nun richten.“ (Ps 50,3). Das ist eine ambivalente Ankündigung, die Heil oder Unheil im Gefolge haben kann. - Und dann ist auch nicht gesagt, wann denn dieses Erscheinen Gottes endgültig erfolge und wie lange das Angekündigte auf sich warten lasse.

W. Borchert war alles andere als ein platter Nihilist. Er endet seine Erzählung mit einem Ausblick, der allerdings nur halbwegs trösten kann: Denn auch er vertröstet. „Aber wir sind eine Generation der Ankunft. Vielleicht sind wir eine neue Generation voller Ankunft auf einem neuen Stern, in einem neuen Leben. Voller Ankunft unter einer neuen Sonne, zu neuen Herzen. Vielleicht sind wir voller Ankunft zu einem neuen Lie-ben, zu einem neuen Lachen, zu einem neuen Gott. Wir sind eine Generation ohne Abschied, aber wir wissen, dass alle Ankunft uns gehört.“

Damit ist Borchert nicht mehr weit weg von der apokalyptischen Vision vom neuen Himmel und der neuen Erde. Und wir sind wieder bei der Geduld und beim Warten und bei den Gefahren, die das endlose Warten mit sich bringt: Schläfrigkeit, Routine, Langeweile, Nachlassen der Konzentration, Oberflächlichkeit und Bequemlichkeit. Das biblische Bild vom Knecht, der sich in Festgelagen die Zeit vertreibt, drängt sich in unser Bewusstsein. Wer kennt solche Versuchung nicht!

„Der auf dem Throne saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu!“ (Offb 21,5) Aber wer dieses Wort zu ernst nimmt und darauf wartet, bis alles neu wird, der dürfte seine blauen Wunder erleben. Sein Garten verkommt, sein Haus verrottet, seine Gesundheit leidet und sein Aussehen wirkt vergammelt und, und, und ... Alles, was mit Kultur zu tun hat, verlangt nach planender Aktivität. Das vergrabene Talent ist kein akzeptables Handlungsmodell für die Zeit nach Christus.

Ihr Bruder Paulus

Die MittelPunkt-Seite aus den GKP-Informationen Nr. 12/2011

Archiv der Mittel.Punkt-Beiträge von Br. Paulus

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