Carolin Kronenburg: Maria am Steuer und Autoscooter

Carolin Kronenburg ist seit Juli 2010 Pressesprecherin beim Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat. Im Blog hat sie über einen vierwöchigen Aufenthalt in Argentinien und Uruguay berichtet. Zwei Geschichten aus der ersten Woche bei Christl Huber in Moreno am Stadtrand von Buenos Aires.

Christls Auto, in Deutschland würde man dazu Schrotthaufen sagen, hat mal wieder den Geist aufgegeben. Der Geist uns hingegen nicht: Als wir in das Remis (Taxi) steigen, um noch ei-nigermaßen pünktlich zum Interview mit Padre Pepe zu kommen, ahnen wir nicht, dass diese Fahrt für den Remisero kein Zufall ist.

Padre Pepe (rechts) weiht die Medalla
Milagrosa von Remisero Juan Carlos.

 

Christl brieft mich im Taxi über den 80-jährigen Padre, der allein durch eine glückliche Fügung – und die Unterstützung von Adveniat – die Militärdiktatur überlebte (eine andere Geschichte, die es lohnt, morgen zu erzählen). Aus dem Augenwinkel beobachte ich den verstohlenen Blick des Taxifahrers im Rückspiegel. Immer wieder fasst er sich auf die Brust. Bei Pepe angekommen, bitten wir ihn, uns in einer Stunde wieder abzuholen. Verlegen fragt er, ob der Padre dann eventuell seine Medalla Maligrosa, ein kleines Medaillon mit dem Konterfei der Jungfrau Maria, segnen könne …Eine knappe halbe Stunde später steht der Remisero wieder vorm Haus und wartet, und wartet, und wartet. Wir sagen nach der angekündigten Stunde Bescheid, dass es noch länger dauert, dass er später wiederkommen möge. Der Motor bleibt still. Als Padre Pepe die Medalla Maligrosa kurz vor Einbruch der Dunkelheit segnet, weint der Taxifahrer. Auf dem Rückweg erzählt uns der grauhaarige Mann, dass er aufgrund einer Augenkrankheit nachts nicht mehr fahren kann. Er habe gebetet, dass sein Chef ihm die Versetzung in die beliebte Tagschicht ermöglicht. Und es hat wider Erwarten geklappt. Wir sind seine ersten Kunden, und der Weg führt den tief Gläubigen ausgerechnet zu Padre Pepe. „Heute ist wirklich ein ganz besonderer Tag”, sagt der Remisero. „Wie heißt Du?”, fragt Christl. Juan Carlos”, antwortet er und legt die Hand auf die Brust – unter dem Hemd der Anhänger mit der Jungfrau Maria.

„Ich bin sicher, dass das Auto mor-gen wieder anspringt”, sagt Christl beim Blick auf den Schrotthaufen. Ich ehrlich gesagt nicht …Die Geschichten rund um Christls Auto verfolgen mich – im wahrsten Sinne des Wortes. Aber zuvor eine Lektion über das auffällige Fahrver-halten temperamentvoller Großstädter in Buenos Aires: Hupen, aus dem Fenster brüllen sowie die Missachtung aller geltenden Verkehrsregeln lernen die Porteños vermutlich in der ersten Fahrstunde (gibt es hier überhaupt Fahrschulen?). Fußgänger leben in Buenos Aires gefährlich – und das ist kein Witz. Vorfahrt hat nämlich immer der Stärkere. Zebrastreifen werden nur zur Dekoration auf die Straßen gemalt und Ampeln machen in erster Linie schönes, buntes Licht.

„Eigentlich ist hier Rechts vor Links. Hält sich aber niemand dran”, sagt Christl. Dem rasenden Wahnsinn Einhalt gebieten können nur die Lomo de burro, die Eselsrücken, kurz Lomos. Das sind ziemlich ordentliche Huckel auf den Straßen, die die Geschwindigkeit gewaltsam begrenzen und dem Handel mit neuen Stoßdämpfern dauerhaft Konjunktur verschaffen.

Nun aber zu Christls oft genanntem Schrotthaufen. Gestern haben wir ihn aus der Werkstatt abgeholt. Die ersten zwei Cuadras hat er geschnurrt wie ein Kätzchen. Christl und ich wollen noch einmal in die Armenviertel. Plötzlich geht der Motor aus. Wir rollen an den Straßenrand. Nichts, aber auch gar nichts tut sich. „Sch…, aber Gott sei Dank sind wir noch nicht draußen in den Barrios”, denke ich. Christel ruft Guillermo an, das einzige Gemeindemitglied mit funktionierendem Auto.

Guillermo und ich setzen uns in sein Auto, fahren langsam hinter den Schrotthaufen und schieben ihn an. Stoßstange an Stoßstange durch die ganze Stadt – mit deutscher Beifahrerin natürlich unter Beachtung aller Verkehrsregeln. Viel bekomme ich aber nicht mit, die Autoscooterfahrt beschert mir einen dauerhaften Lachkrampf.

„Siehste, fährt doch, das Auto”, sagt Christel zu Hause angekommen.

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