Früchte der Erde und der menschlichen Arbeit

Bruder Paulus Terwitte, Kapuziner und seit März 2006 geistlicher Beirat der GKP, schreibt einmal im Monat unter dem Titel "Mittel.Punkt" ein Wort der Besinnung, das auf der letzten Seite der Mitgliederzeitschrift „GKP-Informationen“ abgedruckt wird. Im Oktober 2011 macht er sich Gedanken zum Erntedankfest. 

„So sind wir, die Vielen, ein Leib in Christus, Als einzelne aber sind wir Glieder, die zueinander gehören.“ (Röm 12,5)

Die medialen Diskussionen um katholische Themen haben mich angestrengt. Man konnte den Eindruck gewinnen: Würde die katholische Kirche die wiederverheirateten Geschiedenen zum Empfang der Eucharistie zulassen, homosexuelle Partnerschaften segnen, die Pille für generell erlaubt erklären und den Gebrauch von Kondomen, und schließlich noch Frauen zum Empfang der Priester- und Bischofsweihe befähigt erklären nach der Abschaffung des Pflichtzölibates, würden die Angriffe eingestellt. Auch viele Katholiken äußern sich mittlerweile ähnlich. Je mehr ich davon auch innerkirchlich höre, umso mehr bin ich verunsichert. Und das ist auch gut so – möchte ich zunächst sagen. Keine katholische Einsicht in die Wirklichkeit der Welt und des Willens Gottes ist ein für alle Mal vom Himmel gefallen. Der Sensus fidelium, der Glaubenssinn des Gottesvolkes, hat mit den Jahrhunderten immer mal wieder das eine betont, anderes hintangestellt, und sogar Neues hervorgeholt. Das Lehramt hat am Ende des 19. Jahrhunderts – um nur ein Beispiel zu nennen -, durchaus sich vorgestellt, man könne mit der katholischen Moral Staatsrecht gestalten, müsse es sogar vorschreiben. Papst Benedikt XVI. hat sich im Bundestag nicht ausdrücklich davon distanziert, wohl aber den Schwerpunkt anders gelegt: Jeder im Staat müsse Rechenschaft darüber ablegen, wem er gehorcht, wenn er entscheidet. Und die Kirche bot er an als Stimme Christi zum Wohl der Gesellschaft. Das ist nicht nur metaphorisch gemeint. Christus ist für Katholiken real durch seine Kirche in sichtbarer Struktur als Mahnerin in der Gesellschaft. Es geht uns nicht um eine christliche Idee, die wir warmhalten. Es geht um Gestaltungskraft derer, die sich von Jesus zusammenfügen lassen, ganz real. Bei der Eucharistiefeier tritt dies in einem unscheinbaren Gebet zu Tage, das rund um das Erntedankfest wieder deutlicher hervorleuchtet: Gepriesen bist du, Herr unser Gott, du schenkst uns das Brot, die Frucht der Erde und der menschlichen Arbeit. Dieses aus jüdischer Liturgie stammende Gebet macht deutlich: Ohne den menschlichen Geist wären aus den Ähren nie Brotlaibe geworden. Ohne die Idee von Korn mahlen, Teig reifen lassen, Feuer und backen gäbe es diese Nahrung nicht. Das erste eucharistische Gebet noch vor dem Hochgebet bezieht sich auf die untrennbare Einheit von zwei in sich wertvollen Gaben Gottes: Erde, Wachstum und Frucht einerseits, und andererseits der Geist des Menschen, seine Handlangungen und schließlich seine Fähigkeit, dies nicht nur dumpf entgegenzunehmen, sondern dafür auch noch danken zu können.

Der den Menschen zu Gottes Ebenbild gestaltende Geist, das Zugehen auf die materielle Welt und die Fähigkeit, sich ihrer zu bedienen und damit auch zu entheben, den Mitmenschen zum Dienst: Das muss man erst mal wahrhaben können. Und wollen. Der reine Materialismus bestreitet solche Zusammenhänge, und erklärt alles für natürlich, für kausal und notwendig.

Die Katholiken und andere Christen sagen dagegen: Nein, gewerkt wird aufgrund einer Berufung, Sendung und damit einhergehender Verpflich-tung. Dass der Geist des Menschen immer mit am Werk ist und nach verantworteter Tat ruft: Daraus kommt die Freiheit des Menschen von jeder Notwendigkeit, sei sie historisch, wie der Kommunismus sie lehrt, materiell, wie es der Ökonomismus weismachen will, oder körperlich, wie es die Naturalisten, Nudisten und all die anderen Menschenversteher ständig hinausposaunen. Die Früchte der Erde werden durch menschliche Arbeit für den Menschen fruchtbar. Ebenso bedarf alle andere Materialität in der Welt der geistlichen Durchdringung und Handhabung. Erntedank kann nur von freien Menschen gefeiert werden. Katholische Kirche als Menschenwerk muss ein freies Ereignis des Geistes sein, der der Stimme Jesu Christi folgt. So wird sie Gottes Werk. Letztlich geht es um Gehorsam. Dagegen lehnt sich der Mensch schon zeitlebens auf. In seiner Rede vor dem Bundestag hat Papst Bendikt XVI. ihn neu eingefordert für die Politik. Die reflexhaften Reaktionen waren entsprechend: Wo käme man denn dahin, wenn man bezweifeln würde, dass Mehrheiten zu suchen nicht der einzige Weg einer Demokratie sei. Man käme dahin, antworten wir Katholiken, gemeinsam hören zu müssen auf Wahrheiten, über die nicht abgestimmt werden kann. Und darf. In aller Demut.

Das Zueinander von Körper und Geist, Struktur und Idee, Menschenwunsch und Gottesanspruch – das sind die katholischen Themen. Sie werden nur im Glauben vorangebracht.

Ihr Bruder PaulusTerwitte

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