Heiligkeiten

Bruder Paulus Terwitte, geistlicher Beirat der GKP, fragt in seinem geistlichen Wort im September-Heft der GKP-Informationen nach der Berechtigung von Titeln wie "Seine Heiligkeit" für den Papst, den Dalai Lama oder die Oberhäupter der Östlich-orthodoxen Kirche, oder auch nur der Anrede "Pater" = "Vater".


„Auch sollt ihr niemand auf Erden
euren Vater nennen; denn nur einer ist euer Vater,
der im Himmel.“ (Mt 23,9)

Der Staatsbesuch des Heiligen Vaters Papst Benedikt XVI. bringt die Protokollanten ins Schwitzen. Kommt ein religiöser Führer? Ist es ein Staatsoberhaupt? Der Dalai Lama hat mit der Aufgabe seiner politischen Funktion mittels, wie er sagt, „demokratischer Wahl“ eines Nachfolgers diese Doppelrolle verlassen. Zu seinem Besuch des Landes Hessen und seines „Freundes“ Roland Koch im vergangenen Monat hieß es in einem Pressetext der Hessischen Landesregierung: „Auf Einladung des Hessischen Ministerpräsidenten Volker Bouffier und des Präsidenten des Hessischen Landtags, Norbert Kartmann, wird das geistliche Oberhaupt der Tibeter, Seine Heiligkeit der XIV. Dalai Lama … Hessen besuchen. Das Land Hessen und die Hessische Landesregierung unterstreichen damit ihre Freundschaft und Verbundenheit zum Dalai Lama.“ So würde man sich von politischer Seite wohl kaum über den Besucher äußern, der im September seinem Heimatland seine Aufwartung macht. In einem Pressetext des Bundestages hieß es vor einigen Monaten dazu: „Bundestagspräsident Prof. Dr. Norbert Lammert hat … den Ältestenrat des Bundestages darüber informiert, dass Papst Benedikt XVI. sein Interesse an einer Rede vor dem Deutschen Bundestag bekundet hat.“
Man spürt, wie sparsam mit den möglichen Titeln des geistlichen Oberhauptes der katholischen Christenheit umgegangen wird, der zudem ja noch Patriarch des Westens ist und mit den Patriarchen etwa Moskaus und Jerusalems ökumenisch verbunden ist. Auch ihm gebührt der Titel „Seine Heiligkeit“, wovon das Protokoll des Bundestages in diesem Pressetext offensichtlich nichts weiß oder wissen will. Bei Wikipedia heißt es zu dieser Ehrenbezeichnung: „Seine Heiligkeit ist die offizielle Anrede von Führern verschiedener Glaubensrichtungen. In der Katholischen Kirche wird mit der Anrede der Papst gemeint, Seine Heiligkeit wird jedoch auch in Bezug auf den Dalai Lama verwendet. Ferner ist diese Anrede üblich bei den Oberhäuptern der Östlich-orthodoxen Kirche.“
Dennoch: Seine Heiligkeit Papst Benedikt XVI.  – diese Bezeichnung wird wohl nicht in der medialen Berichterstattung auftauchen. Selbst unter Katholiken macht sich Unmut breit, wenn diese Titelei benutzt wird. Als „rechts“ und „konservativ“ werden sie abgestempelt, um sich und den eigenen „Progressiven“ oder „in der Mitte“ Stehenden damit zu begründen, mit diesen keinen Dialog führen zu müssen. Ich persönlich zitiere auch gern, was bei Matthäus zu lesen ist über das Sich-Vater-nennen; für mich eine Begründung dafür, dass ich mich nicht „Pater Paulus“ nenne. Und auch Franziskus von Assisi hat in einer Zeit imperialistischer Machtambitionen der Päpste schlicht davon gesprochen, dass „der Herr Papst“ ihm die Ordensregel bestätigt hat.
Dennoch gibt es auch gute Gründe, an bestimmten Titeln festzuhalten und sie auch wieder auszuprobieren. Beim Besuch des „Stellvertreters Christi auf Erden“ in unserem Land – noch so ein Titel, der manchen Frösteln verursacht - , wird der säkularen Öffentlichkeit vor Augen geführt, dass die bürgerliche Vorstellung: Da der liebe Gott – hier die Erde; oder: Da die Religion – hier die Praxis; oder: Da das Trostmittel, gar Opium – hier die Realität, die des Kampfes bedarf, nicht aufgeht. Zumindest nicht nach katholischer Glaubensauffassung. Staatsoberhaupt und geistliches Oberhaupt, für mich verkündet diese Kombination heute: Jesus sei wahrer Mensch und wahrer Gott gewesen.
Die Kirche, und damit alle, die in sichtbarer Einheit mit dem „Nachfolger Christi“ sich katholisch nennenden Christen, behauptet mit dem Evangelium notorisch, Gott sei eben nicht nur menschennah, sondern wolle tatsächlich in allen seinen Menschenkindern das göttliche Leben zur Wirkung bringen. Und noch mehr: Der Mensch, jeder Mensch, Heilige wie Sünder, Täter wie Opfer, reich wie arm, hätte schon zur Rechten Gottes einen grundsätzlich vorbereiteten Wohnsitz. Woraus der Anspruch folgt - und auch das Gericht für alle, die dem Anspruch ihres Schöpfers nicht genügen wollen. Diese Auskunft mag oft bedrohlich gewirkt haben. Sie ist aber eher eine ernste Einladung an alle (!) Menschen, doch bitte weniger Bedrohung zu sein.
Der Besuch Seiner Heiligkeit Papst Benedikt XVI. bei uns möge uns ermutigen, die Präsenz Jesu mitten in unserer Alltagswelt neu zu glauben. Und alle, die Jesu Wirksamkeit bezweifeln, mögen in uns mit unserem Bruder – auch das ist er – Benedikt XVI. solidarische Zeitgenossen erfahren, denen in Gottes Namen das Schicksal unseres Landes und seiner zur vernünftigen Lebensführung berufenen Bürger nicht gleichgültig ist.

Ihr Bruder Paulus

Geistlicher Beirat der GKP

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