Nachrichten aus der Geisterstadt

Am Tag, bevor Hurrikan „Irene“ kam, war noch was los auf dem Times Square in New York.In der Artikelserie "Abenteuer Journalismus" der Mitgliederzeitschrift „GKP-Informationen“ beschreiben GKP-Mitglieder Erlebnisse, die ihre journalistische Arbeit zum Abenteuer werden ließen. Im Heft für Oktober schildert Lena Fleischer, wie sie im Urlaub in New York zur Korrespondentin wurde.

Lena Fleischer ist seit 2007 Redakteurin der Allgemeinen Zeitung Mainz, die in der Verlagsgruppe Rhein Main erscheint.

Ohne Laptop, ohne iPhone oder Blackberry bin ich in Urlaub gefahren. Nur meine Entdeckerfreude und ganz viel Lust auf Neues habe ich mitgenommen an die Ostküste der USA. Einfach mal abschalten, nicht arbeiten woll-te ich. Doch dann kam „Irene“ – der Hurrikan, der die Millionenmetro-pole New York in eine Geisterstadt verwandelte. Und wir mittendrin.Sie wird die Stadt genannt, die niemals schläft. Und sie schlief auch nicht, obwohl der Wirbelsturm den Weg bis hierhin gefunden hatte. Sie ruhte höchstens, machte ein Auge zu. Ein paar Lichter gingen aus. Doch auf der Baustelle des One World Trade Centers, eines im Bau befindlichen Wolkenkratzers an der Stelle, an der am 11. September 2001 das World Trade Center zerstört worden war, brannte noch Licht. Notstromaggre-gate machten es möglich. Ich konnte es vom Hotelzimmer aus sehen.

Da saß ich und musste Däumchendrehen, wir durften das Hotel nicht verlas-sen. Zwei Tage lang ging das so. Der typische New-York-Sound, das Rattern der Bahn in den unterirdischen Schächten, er war verstummt. Alle Vorstellungen am Broadway wurden abgesagt, der Times Square zeigte sich leergefegt.Jede Starbucks-Filiale hatte geschlossen, kein Supermarkt bot etwas an. Seit Tagen hatte es Durchsagen in der Metro gegeben, die empfahlen, genügend Wasser zu Hause zu haben. Als wir zwei Tage, bevor der Wirbelsturm da war, noch einen Supermarkt fanden, der geöffnet hatte, war das Wasser ausverkauft, auch Bananen gab es keine mehr. Dafür Sandwiches und Bagels, Chips und Limonade. „Better safe than sorry” – besser, man sorgt vor, sagten die Amerikaner und das wurde uns rund um die Uhr von den verschiedenen Nachrichtensprechern empfohlen. Alle paar Stunden fanden wir Nachrichten der Hotelleitung auf dem Anrufbeantworter. Wir wurden auf mögliche Verzögerungen im Service hingewiesen, und es wurde versichert, dass die Sicherheit der Gäste an oberster Stelle steht. Wir wurden auch gebeten, die Badewanne mit Wasser volllaufen zu lassen – just in case. Aber wir konnten im Zimmer im zwölften Stock bleiben. „Ich habe Angst, dass der Strom ausfällt”, sagte eine Frau im Aufzug, „dass der Fernseher dann nicht mehr funktioniert.”

„Irene“ machte Pläne zunichte: Die Karte des kleinen Mädchens für die Aussichtsplattform „Top of the Rock“ verfiel, der Geschäftsmann hat sein Meeting im Frankfurter Büro verpasst. Der Hurrikan hat Big Apple ausgebremst. Und mich, ganz unverhofft, zur Korrespondentin gemacht – auch ohne Laptop und iPhone. Immerhin: Die Internetverbindung funktionierte, trotz „Irene“. Ein Anruf in der Zentralredaktion genügte und schon nahm ich Platz im Business Center des Hotels und tippte. Wie es so ist, in New York festzustecken, auf einen Hurrikan zu warten, wollten die Kollegen wissen. Es hieß, so ein Wochenende habe New York noch nicht erlebt. Ich auch nicht. Aber wir haben Glück gehabt: Der Wirbelsturm zog schneller vor-bei als gedacht. Doch es war ein Erlebnis, das wir nicht auf der Rechnung hatten, ein Abenteuer eben..

Lena.Fleischer@arcor.de

Lena Fleischers Beitrag in den GKP-Informationen

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