Kommentar: Die Frequenz der Wahrheit

Scientology hat jetzt einen eigenen TV-Sender.“ Diese Zeile sprang mir neulich ins Auge, als ich die Medienseite der Süddeutschen Zeitung überflog. Mein journalistisches Interesse brachte mich allerdings nicht dazu, sofort zu recherchieren, wie auch ich diesen Sender empfangen kann. Erstens reicht mein Kopfkino aus, um mir Ductus und Inhalt der dort gezeigten Formate vorzustellen, und zweitens möchte ich die Quote nicht unnötig steigern. Dennoch ist diese Nachricht für mich mehr als eine skurrile Randnotiz, zieht sie doch die Fragen nach sich: Welchen Sinn haben solche PR- und Lobby-Sender? Wie erreicht man am besten ein breites Publikum mit seiner Botschaft? Inwiefern rückt die seriöse journalistische Aufbereitung von Themen durch solche Sender in den Hintergrund?
Interessant ist, dass Scientology ausgerechnet dann mit seinem Fernseh-Engagement begann, als die Organisation in den Medien heftig kritisiert wurde – unter anderem wegen Missbrauchsvorwürfen. Und wenn die Berichterstattung „von außen“ nicht passt, muss eben eine eigene Berichterstattung her. Ist das der neue Weg?
Natürlich könnte der Advocatus Diaboli die Diskussion schnell beenden und schlicht einwenden, dass eigene Fernsehsender – wie ihn zum Beispiel auch der FC Bayern hat – lediglich eine Erweiterung der PR-Klaviatur sind. Das mag stimmen. Dennoch klingen bei mir diesbezüglich Misstöne an und ich hinterfrage auch den Zweck solcher PR-Maßnahmen. Wer mit seinen Botschaften möglichst viele Leute erreichen will, muss aus dem eigenen Dunstkreis heraustreten und sich dort präsentieren, wo sich die Menschen bereits aufhalten – zum Beispiel in den sozialen Medien oder in den bestehenden Strukturen des Rundfunksystems. Das gilt übrigens auch für die Kirche.
Ich erinnere mich gut an eine Diskussionsrunde 2008 in Eichstätt: Bischof Gebhard Fürst war geladen und berichtete über seinen Wunsch nach einem katholischen TV-Sender. Ich bin froh, dass dieses Vorhaben nie umgesetzt wurde. Erstens haben wir bereits ein gutes Angebot von katholischen Medien und zweitens bin ich – damals wie heute – der Meinung, dass die katholische Kirche viele spannende Themen hat, die im allgemeinen Programm der öffentlich-rechtlichen wie der privaten Sender besser aufgehoben sind, um möglichst viele Zuschauer zu erreichen – auch diejenigen, die niemals bewusst einen katholischen Sender einschalten würden, aber beim Zappen durch das normale Programm bei einer gut gemachten Reportage sehr wohl hängenbleiben.
Wenn jeder mit seinem eigenen Sender an den Start geht, weil anderen nicht mehr zugetraut wird, die Wahrheit zu transportieren, ist das ein Abgesang auf eine unabhängige Berichterstattung. Zur Wahrheit gehören auch Kritik und Kontrolle – das sollten wir nie aus den Augen verlieren.
Nicole Stroth

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