Kommentar: Relevanzverlust

Ein bitteres Wort geht um in Kollegenkreisen. Gleich mehrere journalistische Spürnasen sprachen mich 2017 auf den „Relevanzverlust“ von Kirche und christlichem Glauben an. Sendeplätze werden umbenannt, z.B. im WDR-Fernsehen „Gott und die Welt“ in „Echtes Leben“. Hochrangige Katholiken, ja sogar die üblichen Krawallkatholiken sieht man kaum noch in Talkshows. Bücher zu Kirchenthemen erreichen weniger hohe Auflagen, die von Kirchenzeitungen und -zeitschriften sacken ab bis an die Existenzgrenze. Resolutionen und Pressemitteilungen katholischer Verbände, ja selbst des „höchsten Laiengremiums“ finden kaum noch Resonanz außerhalb der Kirche.
Dass die Daten der Kirchenstatistik an eine Sanduhr erinnern, ist bedrückend genug. Inzwischen kommt das Gefühl hinzu, die abnehmende Quantität – die Bibelkundige nicht erschüttern muss (Joh 6,67: „Wollt auch ihr weggehen?“) – schlage in Qualität um. Eine Kollegin ätzte neulich gegen eine zunehmende Mediokrität in kirchlichen Dienststellen und hohen Klerikerrängen. Die neuen Bischöfe seien profillos: „Steht da noch einer für was?“ Ein betulicher Diskurs breite sich aus. Intelligenz, Realismus, Innovation und Sinn fürs Politische fände man mehr außerhalb als in der Kirche. Ein Staatsrechtler, erzkatholisch, warnt vor „Versektungstendenzen“. Am rechten Kirchenrand sind sie offenkundig: Die immer gleichen Milieuhelden reden und schreiben zu den immer gleichen Themen im immer gleichen Ton unter Beifall des immer gleichen Publikums an den immer gleichen Stellen. Ein Perpetuum mobile der Selbstgenügsamkeit, nur gröber, larmoyanter, aggressiver als früher, sogar gegen den Papst.
Mit dem Umschlag von Quantität in Qualität meine ich allerdings weniger das Niveau des Gebotenen oder der Boten als ein sozialpsychologisches Moment: schwindendes christliches, erst recht katholisches Selbstbewusstsein, Entmutigung, Rückzug in die Schweigespirale, ins Private, kirchenberuflich in den „Dienst nach Vorschrift“, in bloße Strukturdebatten. Was hilft dagegen? Geistlich fundierte Kritik und ermutigendes Lob. Haben wir eine Kultur individueller Belobigung in der Kirche, von „oben“ nach „unten“, von unten nach oben und untereinander? Wird Kritik in eigenen Gremien sorgsam bedacht oder weggedrückt und der Störenfried abgebürstet? Wo verhindern Kollegenneid und Statusdenken eine Potenzierung katholischer Strahlkraft?
Renate Köcher schloss aus Allensbacher Daten, der Glaube beruhe auch auf einem „gruppendynamischen Prozess“. „Wo zwei oder drei in meinem Namen…“. Die kirchliche Zukunft hängt wesentlich davon ab, ob wir in Mitchristen ihr Bestes hervorrufen, nutzen und ermutigen oder es im Trott übersehen und selbstbezüglich desavouieren. Die Sozialforschung eruierte selbst in den schrumpfenden Kirchen noch großes Potenzial. Biblisch gesprochen kommt es darauf an, dass wir mit den Talenten auch der Anderen wuchern, statt sie zu begraben. Alle Kultur beruht auf der richtigen Ermutigung und Entmutigung. Wenn die Falschen den Staub von ihren Füßen schütteln und weitergehen, weil sie nicht angenommen und gehört werden (Mt 10,14), stellt sich statt „Gesundschrumpfung“ Krankschrumpfung ein.
Andreas Püttmann

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