Kommentar: Gelungenes Agenda Setting?!

Es ist Bundestagswahlkampf. Am 24. September fällt die Entscheidung, wer ins Kanzleramt einziehen oder gegebenenfalls bleiben darf. Doch bis dahin müssen die Parteien erst einmal zeigen, welche Konzepte und Visionen sie für die Zukunft Deutschlands haben, welche Prioritäten sie setzen und wie sie drängende Probleme lösen wollen. Und da sind wir schon beim Thema: drängende Probleme. Davon gibt es wahrlich genug: Der Generationenvertrag für die Altersvorsorge ist längst zum Scheitern verurteilt. Das Rentensystem muss schnellstmöglich reformiert werden. Im Pflegebereich fehlen Fachkräfte genauso wie in der Kinderbetreuung. In den meisten Großstädten herrscht massive Wohnungsnot. Pendler versinken im Verkehrschaos. Die Integration von Flüchtlingen wird uns auch weiterhin herausfordern. Die Liste an Beispielen könnte noch um einige weitere wichtige Punkte ergänzt werden, aber belassen wir es an dieser Stelle erst einmal dabei.
Diese Themen sind zentral für unser Zusammenleben und betreffen die Mehrheit der Deutschen. Es ist also keine hehre Forderung, sie auch zu Themen im Wahlkampf zu machen. Doch bislang sind sie eher unterrepräsentiert. Stattdessen hat man sich in den letzten Wochen ausführlich – für mein Empfinden zu ausführlich – mit der Maut, Trumps verbalen Ausfällen oder der „Ehe für alle“ beschäftigt. Um gleich eventuellen Missverständnissen vorzubeugen: Ja, in Deutschland gibt es viele, die auf das Auto angewiesen sind und die natürlich daran interessiert sind, welche Änderungen bezüglich einer eventuellen Maut auf sie zukommen werden. Und ja, natürlich müssen die Entwicklungen in den USA aufmerksam verfolgt werden, da sie für die internationale Zusammenarbeit, für das Klimaabkommen und vieles mehr auch Auswirkungen auf uns hier in Deutschland haben. Und zum Dritten: Ja, auch die „Ehe für alle“ verlangt nach einer gesamtgesellschaftlichen Diskussion.
Doch jetzt kommt das große Aber: Diese Themen sind alle wichtig, doch sind sie auch wichtiger als die Reform des Rentensystems und der immer weiter auseinander klaffenden Schere zwischen Arm und Reich? Ist es sinnvoll, lang und breit in den Medien – mit extra Kommentaren, auch in Qualitätszeitungen wie der FAZ – zu erörtern, ob Trumps Äußerung zum Aussehen von Brigitte Macron bei seinem Staatsbesuch in Frankreich angebracht war? Die „Ehe für alle“ war lange Zeit in den Medien Aufmachergeschichte Nummer 1. Gerechtfertigt?  Ich denke nicht – jedenfalls nicht hinsichtlich der Themen, die ich bereits anfangs erwähnt habe.
Die Medien sehen sich gerne als vierte Gewalt. In dieser Funktion erwarte ich allerdings auch von ihnen, dass sie den Finger in die Wunde legen und den wirklich drängenden Problemen unserer Zeit ausreichend Platz einräumen – gerade jetzt im Wahlkampf.
Nicole Stroth

 

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