Kommentar: Alternative Fakten

Es stimmt schon: Manche Ärgernisse verdaut man am besten, wenn man sie mit Humor nimmt. Nehmen wir mal die Äußerungen des US-Präsidenten. Man konnte sich darüber amüsieren, als das Weiße Haus im Zusammenhang mit Donald Trumps Amtseinführung zuerst steif und fest behauptete, es seien zu der Zeremonie mehr Menschen gekommen als bei all seinen Vorgängern, und anschließend die Bildaufnahmen, welche die These widerlegten, mit der Aussage kommentierte, der Pressesprecher des Präsidenten verfüge über „alternative Fakten“. Was für ein unsinniger Begriff, was für ein wortwörtlicher Widerspruch: Ein Faktum ist Tatsache, da gibt es nun mal keine Alternative.
Oder die jüngste Eskalation zwischen Trump und den Medien, die Verleihung von „Fake News Awards“ an namhafte Redaktionen wie CNN oder „New York Times“. Wie lächerlich, dass der angeblich mächtigste Regierungschef der Welt sich auf dieses Niveau herablässt und das hohe Gut der Pressefreiheit wie in einer Unterhaltungsshow verhökert.
Auch wenn man über solche Vorfälle leicht Witze reißen kann: Der leichtfertige Umgang mit der Wahrheit und die Bedrohung des Journalismus sind kein geeigneter Anlass zum Spaßen. Und so ist es nur folgerichtig, dass Sprachwissenschaftler bei ihrer alljährlichen Kür des „Unwort des Jahres“ dieses Mal die Wortschöpfung „alternative Fakten“ ausgewählt haben, um auf dieses Zeitgeistphänomen hinzuweisen. Die Bezeichnung sei „der verschleiernde und irreführende Ausdruck für den Versuch, Falschbehauptungen als legitimes Mittel der öffentlichen Auseinandersetzung salonfähig zu machen“, so die Jury.
Wer mit „alternativen Fakten“ argumentiert, der negiert nicht nur empirisch belegbare Beweise. Vielmehr verhindert er so jeglichen Diskurs, indem alle, die auf der Basis von Tatsachen diskutieren wollen, entwaffnet werden. Auf welcher Grundlage soll man noch debattieren, wenn jeder seiner eigenen Wahrheit folgt? Man muss gar nicht über den Atlantik schauen, um Beispiele zu finden, wie mit Halbwahrheiten Stimmung erzeugt wird. Die Massenmedien nehmen dabei eine doppelte Rolle ein. Sie befördern die Stimmungsmache und helfen zugleich, die Falschbehauptungen aufzuklären.
Gelogen wird, so lange wie Menschen miteinander kommunizieren. Aber erst durch ihre mediale Verbreitung können Lügen und Gerüchte ihre Reichweiten vervielfachen und ihre volle Wirkung entfalten. Eine besondere Stellung nehmen dabei die sozialen Netzwerke ein: Jeder kann hier „alternative Fakten“ veröffentlichen, Anonymität und falsche Identitäten verschleiern die Quellen. Außerdem manifestiert sich hier besonders deutlich das Postfaktische: Meinung und Gefühle zählen mehr als Fakten. Das Kommentieren, Daumen rauf und runter, beherrscht die Kommunikation.
Umso wichtiger ist es, dass die Medien und der Journalismus ihrer gesellschaftlichen Funktion nachkommen und die Unwahrheiten konsequent aufdecken. Erfreulich ist, dass der investigative Journalismus an Bedeutung gewinnt und dass viele Medien  dafür Strukturen und Ressourcen schaffen. Und das Publikum honoriert die Anstrengungen: Die „New York Times“, Lieblingsfeind von Donald Trump, erfreut sich einer steigenden Auflage. Eine Zeit lang plakatierte die Zeitung das Wort „Truth“ in riesigen Buchstaben auf einer Fassade in Manhatten – ein deutliches Statement gegen „alternative Fakten“.
Christian Klenk

 

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