Eckpunkte: Richtig reden

Pater Christof Wolf, Geistlicher Beirat der GKP, über die Kraft der Sprache:

Wer viel Filme in Originalsprache anschaut, macht die Erfahrung, dass es in der englischen Sprachwelt ganz verschiedene Dialekte gibt, die oft schwer zu verstehen sind. In Western herrscht meist der texanische Akzent vor, je nach Schauplatz gibt es aber auch die typischen Ostküsten- (Kalifornien) oder Westküsten-Akzente (New York). In London lief vor Jahren einmal ein Film eines schottischen Regisseurs mit englischen Untertiteln – allerdings nur während der ersten zwanzig Minuten. Danach blieben sie ausgeblendet, und alsbald verließen erstaunlich viele Zuschauer das Kino. Für den Studenten jedoch, der nur mit seinem Schulenglisch gewappnet gerade ein Studienjahr in London begonnen hatte, waren die schottischen Dialoge kein Grund zu gehen. Schließlich gehört das Nicht-Verstehen zu den normalen Frustrationen beim Erlernen einer Sprache. Und ein Film erzählt ja Geschichten auf ganz vielen Ebenen, nicht nur durch die Sprache. Obwohl diese zuweilen selbst zum Thema werden kann, etwa in dem mit fünf Oscars bedachten Film „The King's Speech“, den der in London geborene Tom Hoopers inszenierte.

Die Auszeichnung galt dabei weniger einer akkuraten Darstellung der britischen Monarchie in den dreißiger Jahren und ihrer Rolle während der Nazizeit, als vielmehr dem auch sprachlich brillant gespielten Drama um Prinz Albert, den späteren König George VI. Der Thronanwärter Prinz Albert stottert so stark, dass er unfähig ist, in der Öffentlichkeit zu sprechen. Jede erdenkliche Therapie hat er schon ausprobiert – umsonst. Verbittert und verzweifelt lässt er sich schließlich von seiner Frau Elizabeth zu einem weiteren Versuch überreden. Sie hat von einem unkonventionellen Sprachtrainer gehört. Der Australier Lionel Logue weiß zwar kaum, wie man „Queens English“ spricht, aber er kann mit unorthodoxen Methoden Albert helfen. Am Ende und zugleich Höhepunkt des Films hält Albert, nun King George VI., mit Hilfe von Lionel seine Radioansprache und erntet dafür enormen Applaus. Die Szene hat einen doppelten Reiz: Schließt man nämlich die Augen, lauscht man wie das Radiopublikum einer perfekten Politikerrede – mit offenen Augen jedoch sieht man, wie des Königs Redegewandtheit nur dank der zum Teil grotesken Animation des Sprachtrainers Lionel zustande kommt.

In einer modernen Gesellschaft wird ja nahezu pausenlos geredet, sei es an privaten Events, in Wirtschaft und Politik oder im Fernsehen mit seinen unzähligen Talkshows. Oft würde man sich wünschen, die allzu Redseligen hätten den Rat beherzigt, den der weise Achikar von seinem Onkel, dem Wesir am Hof des assyrischen Königs, einst bekam: „Mein Sohn, schwatze nicht übermäßig, bis du jedes Wort kund tust, das dir in den Sinn kommt […] hüte deinen Mund, dass er nicht dein Ankläger werde. Mehr als alle Wachen bewache deinen Mund […] denn ein Vogel ist das Wort. Wenn es losgelassen ist, holt es niemand zurück von irgendwoher in deinen Mund.“ (Achikar 7, 96-99)

Worte können sehr verletzen, aber auch heilen. Wenn Jesus heilt, dann heilt er oft Menschen, die nicht (mehr) reden können, von ihrem ausgrenzenden Leiden: „Da brachte man einen Taubstummen zu Jesus und bat ihn, er möge ihn berühren. Er nahm ihn beiseite, von der Menge weg, legte ihm die Finger in die Ohren und berührte dann die Zunge des Mannes mit Speichel; danach blickte er zum Himmel auf, seufzte und sagte zu dem Taubstummen: Effata!, das heißt: Öffne dich! Sogleich öffneten sich seine Ohren, seine Zunge wurde von ihrer Fessel befreit und er konnte richtig reden.“ (Mk 7:32-35)

Wenn wir am 24. Juni die Geburt des Heiligen Johannes des Täufers feiern, der Jesus vorangeht, dann hat auch diese Geschichte mit dem Reden, bzw. Nicht-reden-Können zu tun. Johannes' Vater Zacharias, der nicht an die Weissagung des Engels geglaubt hat, kann erst in dem Moment wieder reden, als er zur Überraschung der Nachbarn und Verwandten wider alle Erwartung auf einem Täfelchen den Namen seines Erstgeborenen bestätigt: „Er heißt Johannes.“ Johannes selber war ein großer Prediger in der Wüste, zu dem die Menschen kamen, um sich taufen zu lassen. „Kehrt um! Denn das Himmelreich ist nahe“ (Mt 3:2), fordert er die Menschen auf. Das „Umkehren“ wendet sich vor allem gegen die festgefahrenen inneren Einstellungen: Richte dein Denken, Reden und Handeln neu auf Gott aus. Der Name „Johannes“ ist dabei programmatisch, denn er bedeutet „Gott ist gnädig“. Gott hat Gefallen an uns und zeigt seine Zusage in unserem Alltag, auch wenn das manchmal bedeuten kann, uns den Erwartungen unseres Umfelds zu widersetzen. 

Pater Christof Wolf SJ

Weitere Eckpunkte finden Sie hier.

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