Eckpunkte: Mut zum Risiko

Pater Christof Wolf, Geistlicher Beirat der GKP, über Mut und Glauben am Beispiel von David:

Eine der bekanntesten Figuren des Alten Testamentes ist König David. Im Januar hören wir in den Tageslesungen eine Auswahl von Szenen aus seiner bewegten Lebensgeschichte. Eine Begegnung, die David in seiner Jugend geprägt hat, war sicher der Kampf gegen Goliat. Dieser verbreitet bei Saul und seinen Kriegern Angst und Schrecken. Immer wieder kommt der Philister und verhöhnt sie: „Wählt euch doch einen Mann aus! Er soll zu mir herunterkommen. Wenn er mich im Kampf erschlagen kann, wollen wir eure Knechte sein. Wenn ich ihm aber überlegen bin und ihn erschlage, dann sollt ihr unsere Knechte sein und uns dienen.“ (1 Sam 16:8,9) Als der junge David das hört, empört er sich – aber was kann schon ein Junge gegen einen so großen Krieger ausrichten? Goliat ist ein Riese. Er ist sechs Ellen und eine Spanne groß, in unseren heutigen Maßen etwa drei Meter.

Dann heißt es weiter: „Auf seinem Kopf hatte er einen Helm aus Bronze, und er trug einen Schuppenpanzer aus Bronze, der fünftausend Schekel wog [60 - 90 kg]. Er hatte bronzene Schienen an den Beinen, und zwischen seinen Schultern hing ein Sichelschwert aus Bronze. Der Schaft seines Speeres war (so dick) wie ein Weberbaum [er wog vermutlich über 9 kg], und die eiserne Speerspitze wog sechshundert Schekel [das sind 7 bis 11 kg].“ Als David gegen Goliat in den Kampf ziehen will, wendet Saul ein: „Du kannst nicht zu diesem Philister hingehen, um mit ihm zu kämpfen; du bist zu jung, er aber ist ein Krieger seit seiner Jugend.“ (1 Sam 17,33) Das klingt vernünftig, interessant ist aber, warum David sich damit nicht zufrieden gibt. Er sagt zu Saul: „Dein Knecht hat für seinen Vater die Schafe gehütet. Wenn ein Löwe oder ein Bär kam und ein Lamm aus der Herde wegschleppte, lief ich hinter ihm her, schlug auf ihn ein und riss das Tier aus seinem Maul. Und wenn er sich dann gegen mich aufrichtete, packte ich ihn an der Mähne und schlug ihn tot. Dein Knecht hat den Löwen und den Bären erschlagen, und diesem unbeschnittenen Philister soll es genauso ergehen wie ihnen, weil er die Schlachtreihen des lebendigen Gottes verhöhnt hat.“ (1 Sam 17,35f.) Der junge David scheint furchtlos. Aber es ist nicht jugendliche Unbekümmertheit, die ihn stark macht, vielmehr die Erinnerung an eine Lebenssituation aus der Vergangenheit, wo er etwas schier Unmögliches geschafft hat (ein Lamm aus den Fängen eines Löwen oder Bären zu retten). Warum? Weil er damals mutig war und etwas riskiert hat.
Weil er ein Wagnis eingegangen ist und damit gute Erfahrungen gemacht hat, will er jetzt nicht akzeptieren, dass der übermächtig scheinende Goliat mit seinem Spott und Hohn ungeschoren davonkommt. David ist derjenige in der Reihe der Israeliten, der die anderen ermahnt, dass man den Mut nicht sinken lassen darf, sondern kämpfen soll, und der sich selbst von Saul und dessen klugen Erwägungen nicht davon abbringen lässt, sich dem Kampf mit dem Riesen zu stellen. Sogar die Rüstung, die Saul ihm anziehen will, lehnt David ab. So schwer gepanzert kann er nicht gehen, keinen Schritt. Er will beweglich bleiben und frei atmen können, und so zieht er einfach gekleidet bloß mit seiner Hirtentasche in den Kampf. Goliat aber fällt, getroffen von einem Stein aus Davids Schleuder.
Davids Handeln zeigt: Er hat einerseits Glauben und anderseits Mut. Beides sind Tugenden, und in beiden Fällen handelt es sich um bestimmte charakterliche Verfassungen. Beim Glauben geht es um eine Disposition des Vertrauens, beim Mut um den rechten Umgang mit Situationen der Gefahr und der Bedrohung. Und die Geschichte macht deutlich: Wenn die Tugend des Mutes an Kraft verliert, weil sie nicht kultiviert und fortentwickelt wird, hat das auch Auswirkungen auf den Glauben; dann verliert auch er seine Kraft und seine Lebendigkeit. Der Glaube bleibt nur lebendig, wenn man immer wieder etwas riskiert; wenn man versucht, damit Hindernisse zu überwinden. Man kann den Glauben nicht auf die Sparkasse tragen und ihn dort deponieren, in der Hoffnung, dass er Zinsen trägt. Sondern man muss etwas damit machen, wenn seine Kraft erhalten bleiben soll. Wer seine Gabe des Glaubens vergräbt und nicht mehr wagt, sich Fragen und Zweifeln zu stellen oder Spöttern Paroli zu bieten, verfällt in Stillstand, und sein Glaube ist bald einmal tot.
         Christof Wolf SJ

 

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