Eckpunkte: Little Berlin - am Ende der Welt

Pater Christof Wolf, Geistlicher Beirat der GKP, über Irrwege der Geschichte:

Manche Orte werden durch die Geschichte unsanft aus ihrer Beschaulichkeit gerissen. Mödlareuth, ein Dorf mit fünfzig Einwohnern ziemlich genau in der Mitte zwischen München und Berlin, würde wohl niemand kennen, wäre es nicht als „little Berlin am Ende der Welt“ in die deutsche Geschichte eingegangen. Der durch das Dorf fließende Tannbach war zunächst die Demarkationslinie zwischen der sowjetischen und der amerikanischen Besatzungszone. Die DDR war gerade drei Jahre alt, als sie entlang der 1.393 km langen innerdeutschen Grenze ein fünf Kilometer breites Gebiet mit Wachtürmen, Zäunen und anderen Grenzbefestigungen zur Sperrzone machte. Offiziell hieß es: „Das Fehlen eines entsprechendes Schutzes der Demarkationslinie seitens der Deutschen Demokratischen Republik wird von den Westmächten dazu ausgenutzt, um in immer größerem Umfange Spione, Diversanten, Terroristen und Schmuggler über die Demarkationslinie in das Gebiet der Deutschen Demokratischen Republik zu schleusen. Diese haben nach Ausführung ihrer verbrecherischen Aufgaben bislang leicht die Möglichkeit, ungehindert über die Demarkationslinie nach Westdeutschland zurückzukehren.“

In Wirklichkeit liefen der SED-Diktatur schon damals die Menschen davon. Auch in Mödlareuth wurde zunächst ein übermannshoher Bretterzaun errichtet, bevor dann ab 1966 eine 700 Meter lange Betonmauer das Dorf für 23 Jahre teilte. Wenn man heute das deutsch-deutsche Museum besucht, die „Rest“-Mauer und den Stacheldrahtzaun abschreitet oder den alten Wachturm aufsucht, gehen einem viele Gedanken durch den Kopf. Wie überzeugend ist ein Staat, der sich offiziell fortschrittlich und humanistisch gibt, der aber seine eigenen Bürgerinnen und Bürger einsperrt, ja sie erschießen lässt, wenn sie zu fliehen versuchen? Viele Fotos von damals sind im Museum ausgestellt, NVA-Soldaten in Uniform, auch Fotografien aus dem Stasi-Archiv. Die DDR hat nur funktioniert, weil es genügend Leute gab, die mitgemacht haben. Wo mögen sie alle heute sein, die damals Honeckers Schießbefehl Folge leisteten? Ich kann mich selber noch an eine Auseinandersetzung im Staatsbürgerkunde-Unterricht erinnern. Wir durften die Mauer an der innerdeutschen Grenze nicht Mauer nennen, vielmehr hatte sie für uns ein antifaschistischer Schutzwall oder auch ein Schutzwall gegen den Imperialismus zu sein – das war 1985. Wohl vermochten wir als Jugendliche nicht alles zu durchschauen, aber wenn man nach kommunistisch-sozialistischer Logik z. B. seinen Onkel als Imperialisten, Staatsfeind oder Faschisten bezeichnen sollte, war das doch allzu offensichtlich absurd. Ich habe lange nach der Wende noch einmal alte Schulbücher der DDR, ein Geschichtsbuch und auch ein Mathebuch, genau angeschaut. Dass im ersteren Geschichte allein aus DDR-Optik geschrieben wurde (die historische Mission der Arbeiterklasse wird erfüllt durch Abschaffung des Privateigentums an den Produktionsmitteln und die Errichtung der Diktatur des Proletariats), war einigermassen logisch, dass aber auch das Mathebuch von der kommunistisch-sozialistischen Ideologie durchsetzt war, hatte ich in diesem Ausmaß nicht erwartet.

Unter dem Dach der Kirchen versammelten sich in der DDR viele Widerstandsgruppen. Das war nicht weiter verwunderlich – hielten sie doch, wenn auch auf unterschiedliche Weise Distanz zum System und schufen Freiräume. Die evangelischen Kirchen definierten sich als Kirche des Sozialismus – die Katholiken als Kirche im Sozialismus. Während der Wende wurde der Psalm 95 gerne zitiert: „Ach würdet ihr doch heute auf seine Stimme hören! Verhärtet euer Herz nicht wie in Meriba, wie in der Wüste am Tag von Massa! Dort haben eure Väter mich versucht, sie haben mich auf die Probe gestellt und hatten doch mein Tun gesehen. Vierzig Jahre war mir dieses Geschlecht zuwider, und ich sagte: Sie sind ein Volk, dessen Herz in die Irre geht; denn meine Wege kennen sie nicht.“ Auf den Irrsinn der Nazizeit folgte also die deutsche Teilung als weiterer Irrweg der Geschichte. Lernen wir auch daraus? Ein Bild im Museum zeigt das Durchtrennen des Stacheldrahts an der ungarisch-österreichischen Grenze. Mehr als ein Symbol – ein Ereignis, welches den endgültigen Abschluss des Kalten Krieges einleitete. Denken wir heute an die Außengrenzen Europas, stellen sich indes ganz andere Bilder ein…

Wenn wir am 3. Oktober den Tag der deutschen Einheit begehen, ist es gut, sich an Orte der eigenen Geschichte zu begeben. Dass Deutschland seine volle Souveränität und Freiheit geschenkt bekommen hat, ist Grund zur Dankbarkeit und zugleich Verpflichtung, sich zu engagieren. Das Tagesevangelium vom Barmherzigen Samariter (Lk 10:25-37) gibt uns dafür ein gutes Beispiel.

Pater Christof Wolf SJ

Weitere Eckpunkte finden Sie hier.

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