Eckpunkte: Kleine Heilsgeschichte

Pater Christof Wolf, Geistlicher Beirat der GKP, über das Sterben und das Bereuen:

Acht Jahre lang hat die australische Autorin Bronnie Ware als Palliativpflegerin Todkranke in deren letzten Wochen begleitet. Es war ihr ein Anliegen, die dabei gemachten Erfahrungen mit Anderen zu teilen. Denn bei ihren intensiven Gesprächen mit den Sterbenden hatte sich manches herauskristallisiert, was viele Menschen zu einer besseren Gestaltung ihres eigenen Lebens inspirieren könnte, meinte sie. In ihrem Buch „The Top Five Regrets of the Dying“ erzählt sie denn auch von jenen fünf Antworten, die sie auf die Frage, was ihre Patienten rückblickend lieber anders gemacht hätten, am häufigsten zu hören bekam: 1. Ich wünschte, ich hätte den Mut gehabt, mein eigenes Leben zu leben. 2. Ich wünschte, ich hätte nicht so viel gearbeitet. 3. Ich wünschte, ich hätte den Mut gehabt, meine Gefühle auszudrücken. 4. Ich wünschte, ich wäre mit meinen Freunden in Kontakt geblieben. 5. Ich wünschte, ich hätte mir erlaubt, glücklicher zu sein.

Je nach Lebensalter erscheint uns das Sterben als sehr nah oder sehr weit weg. Bedenkenswert ist die Frage, was wir im Angesicht des Todes bereuen, wohl schon. Es erinnert an die Einsicht des Sokrates: „Das ungeprüfte Leben ist nicht wert, gelebt zu werden“. Man könnte aber auch anders herum fragen: Lohnt es sich, das ungelebte Leben zu prüfen? Also jenes Leben zu betrachten, das wir hätten leben können, aber nicht gelebt haben? Es begegnet uns in dem Wunsch, die Zeit zurückdrehen zu wollen. Bei Bronnie Wares fünf Punkten fällt auf, dass sie allesamt Desiderate beschreiben und zudem eher ichbezogen sind. Mag sein, dass die Sterbenden es genauso gesagt haben. Aber hätte man sie nicht auch nach den „top five joys“ fragen sollen? Oder religiösen Menschen die Frage stellen: Wie würdest du dein Leben als kleine Heilsgeschichte in den Augen Gottes lesen? Was ist dir alles an Schönem geschenkt worden? Wofür bist du besonders dankbar? Schließlich wird das Leben nicht jeden Tag einen Tag kürzer, sondern einen Tag länger.

Folgt man den Tages-Lesungen im Osterkreis bis Pfingsten, werden oft Passagen aus den Abschiedsreden Jesu gelesen, die im Johannesevangelium vor dem letzten Mahl Jesu mit seinen Jüngern stehen. Eine eigentliche Beschreibung des uns überlieferten Abendmahls fehlt jedoch bei Johannes. Dafür schildert er als einziger Evangelist die Fußwaschung, weist in der Szene mit dem  Lieblingsjünger überdeutlich auf den Verräter Judas hin und verkündet das Ich-bin-Wort: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich“ (Joh 14:6).  Auch die Verheißung des Heiligen Geistes (Paraklet), die Rede vom Weinstock und den Reben, das Gebot der Liebe und das hohepriesterliche Gebet in Kapitel 17 stehen so nur bei Johannes.

Jesus wusste zu diesem Zeitpunkt, dass sein Tod kurz bevorstand. Hätte ihn jemand nach seinen fünf Reue-Punkten gefragt, er wäre wohl ziemlich perplex gewesen. Jesus geht es ja nicht um verpasste Lebenschancen, um sein individuelles Glück. In seiner schweren Stunde betet er: „Ich habe dich auf der Erde verherrlicht und das Werk zu Ende geführt, das du mir aufgetragen hast. Vater, verherrliche du mich jetzt bei dir mit der Herrlichkeit, die ich bei dir hatte, bevor die Welt war. Ich habe deinen Namen den Menschen offenbart, die du mir aus der Welt gegeben hast. Sie gehörten dir, und du hast sie mir gegeben, und sie haben an deinem Wort festgehalten. Sie haben jetzt erkannt, dass alles, was du mir gegeben hast, von dir ist. [...] Für sie bitte ich; nicht für die Welt bitte ich, sondern für alle, die du mir gegeben hast; denn sie gehören dir. Alles, was mein ist, ist dein, und was dein ist, ist mein; in ihnen bin ich verherrlicht.“ (Joh 17:4-10) Alles entspringt aus Gott, alles kommt aus der Liebe des Vaters. Gott eröffnet jeden Moment neue Möglichkeiten. Die religiöse Verwurzelung gibt uns die Hoffnung, uns von verpassten Chancen nicht niederdrücken zu lassen, denn Gott bietet uns immer neue Lebenschancen an – selbst über den Tod hinaus. Es liegt an uns, sie zu ergreifen.

Pater Christof Wolf SJ

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