Eckpunkte: Vom Hören und Tätigsein

Pater Christof Wolf, Geistlicher Beirat der GKP, über Marta als Urgestalt des "contemplativus in actione":

Der junge Spanier Hieronymus Nadal (1507-1580) lernt als Student in Paris Ignatius und seine Freunde kennen. Sich der Gruppe anschließen will er nicht. Dennoch lässt ihn die Gesellschaft Jesu nicht los. Fasziniert liest er, was Franz Xaver über seine Missionstätigkeit in Indien berichtet, und reist schließlich 1545 nach Rom, um dem neu gegründeten Orden näher zu kommen. Nadal macht die großen Exerzitien und wird nun doch Jesuit. Bald ist er ein Vertrauter von Ignatius und hilft ihm unter anderem bei der Formulierung der Ordensregel. Die Gesellschaft Jesu verzichtet auf das traditionelle Stundengebet und den damit einhergehenden Rhythmus von Gebet und Arbeit. Die eben erst im Spätmittelalter geprägte Formel „Ora et labora“, oft als benediktinische Kurzformel bezeichnet, obwohl sie in der „Regula Benedicti“ gar nicht enthalten ist, kommt also nicht infrage. Wie aber lässt sich die jesuitische Lebensform prägnant beschreiben? Von Nadal stammt die Formulierung „contemplativus in actione“. Jesuiten sollen nicht in abgeschiedener Stille ein rein beschauliches Leben führen und sie sollen auch nicht einfach in ihrer Arbeit aufgehen. Die Gotteserfahrung in Jesus Christus ist Heimat und Quelle. Das bestimmt den Gefährten Jesu, wohin immer er auch gesandt ist, nach besten Kräften tätig zu sein.

Vielleicht ist die heilige Marta, deren Gedenktag wir alljährlich am 29. Juli begehen, eine Art Urgestalt dieses „contemplativus in actione“. So berichtet uns der Evangelist Lukas: „In jener Zeit kam Jesus in ein Dorf, und eine Frau namens Marta nahm ihn freundlich auf. Sie hatte eine Schwester, die Maria hieß. Maria setzte sich dem Herrn zu Füßen und hörte seinen Worten zu. Marta aber war ganz davon in Anspruch genommen, für ihn zu sorgen. Sie kam zu ihm und sagte: Herr, kümmert es dich nicht, dass meine Schwester die ganze Arbeit mir allein überlässt? Sag ihr doch, sie soll mir helfen! Der Herr antwortete: Marta, Marta, du machst dir viele Sorgen und Mühen. Aber nur eines ist notwendig. Maria hat das Bessere gewählt, das soll ihr nicht genommen werden.“ (Lk 10, 38-42). In der christlichen Tradition gilt Marta, die gastliche Hausfrau, als Beispiel eines übereifrig aktiven Menschen, während ihre beschauliche Schwester Maria „das Bessere gewählt“ hat, und oft wird in den beiden ein Gegensatzpaar gesehen und dabei die Wertschätzung einseitig zugunsten von Maria verteilt.

Ganz anders Meister Eckhart. Er ergreift für Marta Partei. Sieht sie auf einer Stufe der Weisheit angelangt, von der die „Schülerin“ Maria vorerst nur träumen kann. Denn das reine Zuhören, die mystische Verzückung füllt noch keinen hungrigen Magen. In seinem Traktat 2 schreibt Eckhart: „Wäre der Mensch so in Verzückung, wie‘s Sankt Paulus war, und wüsste einen kranken Menschen, der eines Süppleins von ihm bedürfte, ich erachtete es für weit besser, du ließest aus Liebe von der Verzückung ab und dientest dem Bedürftigen in größerer Liebe.“ Für Meister Eckharts Sicht der beiden Schwestern spricht auch eine Szene im Johannes-Evangelium. Nachdem ihr Bruder Lazarus gestorben ist, sagt Marta zu Jesus: „Herr, wärst du hier gewesen, dann wäre mein Bruder nicht gestorben. Aber auch jetzt weiß ich: Alles, worum du Gott bittest, wird Gott dir geben. Jesus sagte zu ihr: Dein Bruder wird auferstehen. Marta sagte zu ihm: Ich weiß, dass er auferstehen wird bei der Auferstehung am Letzten Tag. Jesus erwiderte ihr: Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt, und jeder, der lebt und an mich glaubt, wird auf ewig nicht sterben. Glaubst du das? Marta antwortete ihm: Ja, Herr, ich glaube, dass du der Messias bist, der Sohn Gottes, der in die Welt kommen soll.“ (Joh 11, 21-27). Damit ist sie eine der wenigen Personen im Neuen Testament, die sich so klar zu Jesus bekennen. Von der andächtig hörenden Maria ist nichts dergleichen bekannt. Für Meister Eckhart ist Marta in ihrer tatkräftigen Weisheit fähig, Erkenntnisse in Worte zu fassen, um anderen Zeugnis davon geben zu können, und das geht über die Stufe des Zuhörens hinaus. Am Ende sind „vita contemplativa“ und „vita activa“ keine Gegensätze, sondern wirken als „contemplativus in actione“ zusammen. Aktiv sein Leben aus Gebet und Glauben heraus zu gestalten und dabei den Humor nicht zu vergessen, ist Aufgabe und Ansporn für alle.

Pater Christof Wolf SJ

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