Eckpunkte: Beziehung zu Gott

Pater Christof Wolf, Geistlicher Beirat der GKP, über Beziehungen, Vertrauen und Glauben:

Glauben wird oft als das Gegenteil von Wissen verstanden. Nach dem Motto: Wenn du es nicht erklären kannst, dann musst du es halt glauben. Manchmal sogar noch etwas radikaler: Was man empirisch nicht nachweisen kann, gibt es nicht. Eine andere Interpretation formuliert der Verfasser des Hebräerbriefes: "Glaube aber ist: Feststehen in dem, was man erhofft, Überzeugtsein von Dingen, die man nicht sieht." (Hebr 11,1). Niemand kann auf die Zukunft gerichtete Hoffnungen empirisch prüfen, weil die Zukunft noch gar nicht existiert. Aber ist auch der Umkehrschluss richtig, dass sie deswegen wirklichkeitsfremd sind? Wie viel von dem, was wir erhofft haben, ist eingetroffen! Oft wird dem, was man nicht sieht, was man "nur" glaubt, die Möglichkeit abgesprochen, in derselben Weise zu existieren wie das, was man sehen und anfassen kann. Interessanterweise kann man das meiste, was den Menschen ausmacht, nämlich sein ganzes inneres Erleben, nicht sehen, nicht anfassen, nicht messen. Man kann um Auskunft bitten, die man nur glauben kann: Auf einer Skala von 1-10, wie stark ist Ihr Schmerz? Wenn ein Gehirn-Scan etwas visualisiert, sieht man ja nie das Empfinden selber, sondern letztlich ein abstraktes Bild, ein Muster, das irgendwie mit dem Empfinden korreliert.

In der Philosophie findet man in Abgrenzung zum Wissen eine zweifache Unterscheidung von Glauben. Glauben bedeutet hier zunächst, sich auf etwas in der Alltagswelt zu beziehen, das wirklich existiert, das ich aber nicht empirisch nachgeprüft habe. Dass die Stadt München 1,6 Millionen Einwohner hat, weiß ich nicht, sondern glaube es, weil ich darauf vertraue, dass die Statistiker in München ihren Job gemacht haben. Oder wenn ich zum ersten Mal nach New York City fliege, dann glaube ich, dass es den JFK-Flughafen gibt, wissen tue ich es erst, wenn ich gelandet bin. In diesem Sinne wissen wir eigentlich nicht sehr viel, das meiste glauben wir. In einem zweiten Sinne bezieht sich das Wort "glauben" auf etwas, das weder greifbar in der Alltagswelt existiert, noch empirisch überprüfbar ist: Meine Beziehungen zu meinen Mitmenschen. Wenn ich auch glaube, dass jemand mein bester Freund ist, so muss ich doch eingestehen, dass ich nicht in die andere Person hineinsehen kann. Glauben in diesem Sinne ist ein Vertrauen, aber kein blindes Vertrauen. Wenn mein Glauben an die Freundschaft keine leere Formel sein soll, dann muss ich in Beziehungen investieren, sie leben und erleben. Das heißt, wir schaffen diese Beziehungswelt erst in uns, sie existiert nicht einfach schon wie ein äußerer Gegenstand, den man vermessen und untersuchen kann.

Das gilt in gleicher Weise auch von unserer Beziehung zu Gott. Wenn jemand für sich entscheidet: "Gott gibt es nicht", dann hat auch Gott keine Chance, mit ihm eine wirkliche Beziehung aufzubauen. Beziehungen sind nicht einfach da, sie müssen entwickelt werden. Gott pflegt seine Beziehung zu uns seit Urzeiten. Denn Gott erhält für alle seine Geschöpfe die Schöpfung in Harmonie und Ordnung, lockt uns, das Gute zu tun, eröffnet allen immer wieder eine Zukunft. Deshalb: Wer sich gegen eine Beziehung zu Gott entscheidet, kommt wohl in der Welt zurecht wie auch ein Farbenblinder in ihr zurechtkommt, aber er verpasst etwas sehr Schönes.

Für den Gläubigen ist die Gottesbeziehung einzigartig; es ist die einzige Beziehung, in der wir nie enttäuscht werden können. Gott ist nicht nur die letzte Wirklichkeit, Gott ist Liebe, und damit immer auch in Beziehung zu uns. Gott nimmt uns so an, wie wir sind. Jesus erzählt seinen Zuhörern das Gleichnis vom verlorenen Sohn, oder besser vom barmherzigen Vater. Als der Sohn zurückkommt, macht der Vater keine lange Liste auf und hält ihm etwa seine Verfehlungen vor, nein, er umarmt ihn, freut sich, feiert ein Fest, steckt ihm einen Ring an, das heißt, er stellt seinen sozialen Status, die Beziehung wieder her. Jesus spricht im Evangelium häufig vom Reich Gottes: "In jener Zeit, als Jesus von den Pharisäern gefragt wurde, wann das Reich Gottes komme, antwortete er: Das Reich Gottes kommt nicht so, dass man es an äußeren Zeichen erkennen könnte. Man kann auch nicht sagen: Seht, hier ist es!, oder: Dort ist es! Denn: Das Reich Gottes ist schon mitten unter euch." (Lk 17,20-21). Vielleicht hilft es, wenn man das "Reich Gottes" mit (meiner) "Beziehung zu Gott" übersetzt. Sie ist immer schon von Gott her grundgelegt. Wir sind eingeladen, sie für uns zu entdecken und zu leben. Oder wie Elizabeth Barret Browning es ausdrückte: "Die Erde ist randvoll mit Himmel, und in jedem gewöhnlichen Dornbusch brennt Gott, aber nur jene, die sehen können, ziehen die Schuhe aus, die andern sitzen herum und pflücken Brombeeren."

Pater Christof Wolf SJ

Weitere Eckpunkte finden Sie hier.

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