Eckpunkte: Allerheiligen - Allerseelen

Pater Christof Wolf, Geistlicher Beirat der GKP, über die Zeit und das Sterben:

Eines der faszinierendsten und zugleich schwierigsten Phänomene ist die Zeit. Manchmal kommen uns Minuten wie Stunden, dann wieder Stunden wie Augenblicke vor. Unsere diversen Kalender erinnern uns daran, dass es verschiedene Systeme gibt, Zeit zu messen, Zeit einzuteilen. Warum die Zeit kein umkehrbarer Prozess ist, beschäftigt bis heute als ungelöstes Rätsel die Naturwissenschaft. Interessanterweise nehmen wir Menschen unsere Gegenwart gar nicht als punktuelles Geschehen, als Moment oder Augenblick wahr, sondern eher als eine sehr kurze Zeitspanne von weniger als einer Minute Dauer. Auch viele Philosophen und Theologen haben sich darüber Gedanken gemacht. So schreibt Augustinus in seinen Confessiones: „Was ist also die Zeit? Wenn mich niemand darüber fragt, so weiß ich es; wenn ich es aber jemandem auf seine Frage erklären möchte, so weiß ich es nicht. Das jedoch kann ich zuversichtlich sagen: Ich weiß, dass es keine vergangene Zeit gäbe, wenn nichts vorüberginge, keine zukünftige, wenn nichts da wäre. Wie sind nun aber jene beiden Zeiten, die Vergangenheit und die Zukunft, da ja doch die Vergangenheit nicht mehr ist, und die Zukunft noch nicht ist?“ (Conf. 397-401. XI, 14)

Wer selber eine Antwort auf diese Frage zu geben versucht, stimmt Augustinus gerne zu. Was wir beschreiben können, ist unser eigenes Zeitempfinden im Angesicht unseres endlichen Lebens. Wer älter wird, hat ein anderes Zeitempfinden als ein jüngerer Mensch. Die Frage nach unserer eigenen Sterblichkeit erleben wir sehr intensiv, wenn wir einen lieben Menschen beim Sterben begleiten. Angehörige machen sich im Nachhinein zuweilen Vorwürfe, weil sie im Augenblick des Sterbens nicht zugegen waren. Allerdings sterben Todkranke oft genau dann, wenn der Angehörige kurzfristig das Zimmer verlassen hat. Wichtiger als das Dabeisein im Moment des Sterbens ist die Zeit, die man sich nimmt für einen guten Abschied.

Im November begeht die Kirche wie jedes Jahr zwei Feste, die mit dem Sterben zu tun haben. Wir feiern Allerheiligen und Allerseelen. Beide Feste werden weltweit seit dem 9. bzw. 10. Jahrhundert in der Kirche gefeiert. An Allerheiligen gedenken wir aller Heiligen im Himmel und an Allerseelen all unserer Verstorbenen. Schaut man in den Heiligenkalender, so fällt auf, dass wir immer den Todestag des Heiligen feiern. Warum eigentlich nicht den Geburtstag? Vielleicht weil man Geburtstage zu Lebzeiten oft feiert, der Tod jedoch einmalig und endgültig ist? Als Christen glauben wir, dass mit der Auferstehung Jesu der Tod überwunden ist, dass der Tod nicht das letzte Wort hat, sondern wir in Gott unsere Vollendung finden. In der Tagesliturgie hören wir einen kurzen Text aus dem ersten Johannesbrief: „Seht, wie groß die Liebe ist, die der Vater uns geschenkt hat: Wir heißen Kinder Gottes, und wir sind es. [...] Aber was wir sein werden, ist noch nicht offenbar geworden. Wir wissen, dass wir ihm ähnlich sein werden, wenn er offenbar wird; denn wir werden ihn sehen, wie er ist. Jeder, der dies von ihm erhofft, heiligt sich, so wie Er heilig ist.“ (1 Joh 1,1-3). Die Gabe, Kind Gottes zu sein, ist jedem Menschen eigen. Ob wir sie auch realisieren, ist eine andere Frage. Was uns heilig macht, sind weniger große Pläne und Abenteuerlust als vielmehr, wie wir tatsächlich gelebt haben, wie viel Liebe wir geschenkt und wofür wir unsere Zeit „verwendet“ haben. Die Seligpreisungen im Tagesevangelium geben uns einige Anhaltspunkte, was das konkret für uns bedeuten kann: „Selig, die arm sind vor Gott; denn ihnen gehört das Himmelreich. Selig die Trauernden; denn sie werden getröstet werden. Selig, die keine Gewalt anwenden; denn sie werden das Land erben. Selig, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit; denn sie werden satt werden. Selig die Barmherzigen; denn sie werden Erbarmen finden. Selig, die ein reines Herz haben; denn sie werden Gott schauen. Selig, die Frieden stiften; denn sie werden Söhne und Töchter Gottes genannt werden. Selig, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden; denn ihnen gehört das Himmelreich. Selig seid ihr, wenn ihr um meinetwillen beschimpft und verfolgt und auf alle mögliche Weise verleumdet werdet. Freut euch und jubelt: Euer Lohn im Himmel wird groß sein.“ (Mt 5, 3-12). Wer sein Leben danach ausrichtet, braucht keine Angst vor dem Sterben zu haben, sondern kann dem Hinübergehen in die andere Wirklichkeit getrost entgegensehen.

Pater Christof Wolf SJ

Weitere Eckpunkte finden Sie hier.
 

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