Ärger über Schwarz-Weiß-Malerei

Andrea Groß-Schulte (50) ist Chefredakteurin der Liborius Verlagsgruppe und stellvertretende Sprecherin der Redakteure im KM. Als gebürtige Altenaerin ärgert sie sich über zu platte Vereinfachungen mancher Kollegen, die ihre Heimatstadt immer wieder mit Schlagworten kategorisieren.

Worüber haben Sie sich zuletzt in den Medien so richtig geärgert?
Über den Hang einiger Kollegen, Sachverhalte zu platt zu vereinfachen und zu reduzieren. Ich wohne in Altena; richtig, die Kleinstadt im Sauerland, in der der Bürgermeister neulich wahrscheinlich aus fremdenfeindlichen Motiven heraus mit einem Messer verletzt wurde. In früheren Jahrzehnten wurde Altena in den Medien gerne als „Sitz der ersten Jugendherberge der Welt“ und „Wiege der Drahtindustrie“ tituliert. Mit dem Niedergang dieses Industriezweiges vor Ort  und dem folgenden Bevölkerungsverlust waren bald neue Schlagworte gefunden: „Die am schnellsten schrumpfende Stadt im Westen“ oder „sterbende Kleinstadt“ stand auf dem Etikett.

Als Altena freiwillig mehr Flüchtlinge aufnahm als die Quote vorgab, war ein neuer Name zur Hand: „Hauptstadt der Mutbürger“. Nach dem Anschlag auf eine Flüchtlingsunterkunft gab es dann den Küchenzuruf: In der Stadt der „Kümmerer“ lebt ein fremdenfeindlicher Feuerwehrmann! Anderthalb Jahre später stand Altena als Empfänger des Nationalen Integrationspreises wieder als Vorbild da. Jetzt nach dem Angriff auf den Bürgermeister versuchen Kollegen, die um die Komplexität des Lebens wissen, immerhin einen Spagat: „Biedermann und Brandstifter in Altena“, hieß es bei FAZ.NET. Für alle Kollegen, die sich den Kopf über die nächste Schlagzeile zerbrechen: Altena ist eine vom Strukturwandel gebeutelte Stadt mit vielen engagierten Einwohnern, die sich für die Zukunft des Ortes und aller Menschen dort einsetzen. In dieser Stadt gibt es auch vom Leben enttäuschte, verbitterte, fremdenfeindliche und kriminelle Bürger. So wie anderswo. Mit Schubladendenken und Schwarz-Weiß-Malerei lässt sich auch die Provinz nicht erklären.  
 
An welcher journalistischen Leistung konnten Sie sich jüngst erfreuen?
An all den Beiträgen über Altena, die auf Stereotype verzichtet und genauer hingeschaut haben, z.B.  „Messerangriff in Altena. ,Wie geht es Ihnen, Herr Bürgermeister?‘“ von Lukas Eberle, der am 2.12.17 bei Spiegel Online erschienen ist.
 
Wie reagieren Sie Ihren Ärger ab?
Ich pendele jeden Tag eine Stunde mit dem Auto zur Arbeit und eine Stunde zurück. Spätestens wenn ich den Motor anstelle, schalte ich den Ärger aus. Dann konzentriere ich mich auf den berüchtigten NRW-Stau. Was dann noch an Ärger wieder hochkommt, muss sich meine Familie anhören. Und ich probiere gerne neue Kochrezepte aus, am liebsten mit viel Knoblauch. Das vertreibt jeden noch so großen Ärger.

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