Ärger über manipulative Berichterstattung in Israel und Palästina

Livia Leykauf (47) arbeitet seit 2015 im Bereich Öffentlichkeitsarbeit im Caritas Baby Hospital in Bethlehem. In den GKP-Informationen antwortet sie auf die Frage, worüber sie sich in den Medien zuletzt so richtig geärgert habe:

Ich ärgere mich fast jeden Tag über die einseitige und manipulative Berichterstattung in vielen palästinensischen und israelischen Medien. Besonders schlimm sind die sozialen Medien. Es ist abstoßend – und gleichzeitig auf erschreckende Weise faszinierend –, wie hier Sachverhalte dem jeweiligen Nachrichtenbedürfnis angepasst werden; alles oder nichts in der Berichterstattung kann stimmen – muss es aber nicht.   

An welcher journalistischen Leistung konnten Sie sich jüngst erfreuen?
An einer Radio-Weihnachtsansprache von Pater Ernst Schnydrig. Er hat vor über 60 Jahren das Caritas Baby Hospital gegründet, in dem ich heute arbeite. Vor Monaten bekam ich eine Tonbandkassette geschenkt, fand aber lange keinen Rekorder, auf dem ich die Predigten abspielen kann. Ich wusste aus Texten und Briefen, dass er ein wortgewaltiger Sprachakrobat ist, dass er eine scharfe Feder hat. Würde er auch als Prediger so unverblümt und direkt sein? Aufgeregt drückte ich Start und lauschte. In der ersten Ansprache steigt der Pater direkt mit der tiefen Traurigkeit und Schwermut über Weihnachten ein. Wir wüssten nicht mehr, „wie wir die Krippe und den Frieden der Heiligen Nacht in diese so zerstrittene Welt einbringen sollen“. Er veranschaulicht es an Bethlehem, Jerusalem und der ganzen Region: „Wenn im Heiligen Land von drei Weltreligionen gepredigt, zelebriert wird und gebetet wird - mit einem Eifer wie sonst nirgends auf der Welt -, dann müsste dort mit gleichem Übereifer doch auch die brüderliche Liebe praktiziert sein, ohne die alles Weihräuchern und Beten ein Skandal ist. Das Gegenteil ist der Fall. Es gibt auf der ganzen Welt wohl keinen anderen Fleck Erde, auf dem das menschliche Unvermögen so offensichtlich zutage tritt wie hier in diesem unheiligen Heiligen Land.“ Die Ansprache ist über 40 Jahre alt und hat doch nichts an Aktualität verloren. Diese zeitverschobene spirituell-politische Begegnung mit dem Gründer des Caritas Baby Hospitals hat mich gefreut.

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Wie reagieren Sie Ihren Ärger ab?
Zum einen habe ich einen wunderbaren Ehemann, der meinen Ärger und daraus resultierende Launen geduldig erträgt. Darüber hinaus scheint hier in Bethlehem sehr oft die Sonne, das ist eine gute Medizin gegen jedweden Ärger. Und dann versuche ich meinen Ärger zu relativieren: wenn ich morgens und abends auf meinem Arbeitsweg an der neun Meter hohen Mauer entlanglaufe, die sich durch Bethlehem und das Land zieht, weiß ich, dass ich meinen persönlichen Ärger, meine Sorgen, meine Probleme in Anbetracht der Lebenswirklichkeiten hier nicht überbewerten muss.

 

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