Abenteuer Journalismus: Ulrich Ruh in der Sowjetunion

Ulrich Ruhs größtes journalistisches Abenteuer war die Berichterstattung über die 1000 Jahr-Feier der Russisch-Orthodoxen Kirche in Moskau 1988.
Ruh, 1950 in Elzach (Schwarzwald) geboren, war nach dem Studium der Katholischen Theologie und Germanistik in Freiburg und Tübingen von 1974 bis 1979 Assistent am Lehrstuhl von Karl Lehmann und hat bei ihm mit einer Arbeit über Begriff und Problem der Säkularisierung promoviert. Von 1979 bis 1991 war er Redakteur der „Herder Korrespondenz“, von 1991 bis 2014 dann deren Chefredakteur. Im März 2015 ernannte ihn die Universität Freiburg zum Honorarprofessor, im Oktober 2015 wurde er Dr. theol. h.c. in Erfurt.

Im Juni 1988 feierte die Russische Orthodoxe Kirche die „Taufe Russlands“ vor 1000 Jahren. 988 hatte nämlich der Kiewer Großfürst Wladimir das Christentum in seiner byzantinischen Variante angenommen. Dieses Jubiläum konnte ich in Moskau für die Herder Korrespondenz beobachten – zweifellos einer der spannendsten Auslandstermine meiner beruflichen Laufbahn. Ich kannte seinerzeit schon mehrere Länder des damaligen Ostblocks, war aber zum ersten Mal im kommunistischen „Mutterland“, der Sowjetunion. Dass es diese Sowjetunion schon wenige Jahre später nicht mehr geben würde, konnte noch niemand ahnen. Aber das Reformprogramm von Michail Gorbatschow, für das die Schlagworte „Glasnost“ und „Perestroika“ standen, gab der Russischen Orthodoxie einen gewissen Freiraum und ermöglichte es, mit staatlicher Unterstützung die Tausendjahrfeier mit einer großen Anzahl von Repräsentanten anderer Kirchen, nicht zuletzt der katholischen Kirche, mit einigem Aufwand zu begehen.
Die Akkreditierung in Moskau war erstaunlich unbürokratisch. Die einzelnen Programmpunkte und Pressetermine bekam ich dann durch handgeschriebene Schilder (auf Russisch) und oft mehr zufällig mit. Zum staatlichen Festakt im Bolschoi-Theater verschaffte ich mir dank des Charmes einer deutschen Kirchenfunk-Kollegin Zutritt und durfte durch die Mithilfe einer gepflegt Französisch sprechenden Garderobenfrau von den für die Gäste bereitgestellten Süßigkeiten naschen. Irgendwie ergatterte ich  eine spezielle Akkreditierung für die Begegnung der ökumenischen Gäste mit dem sowjetischen Staatspräsidenten im Kreml, bei dem unter anderem die Situation der damals noch nicht offiziell wieder zugelassenen griechisch-katholischen Kirche in der Ukraine zur Sprache kam. Zu einem Termin in der Klosterstadt Sagorsk wurde der Pressebus von der allgegenwärtigen „Milizia“ durch den Moskauer Stadtverkehr und über eine leere Autobahn eskortiert.
Das renovierungsbedürftige Danilow-Kloster im Süden der Moskauer Innenstadt, der Verwaltungssitz der Russischen Orthodoxen Kirche, war  teilweise noch eine Baustelle. Dort fand der große Abschlussgottesdienst mit dem Moskauer Patriarchen statt, der volle drei Stunden dauerte. In der Stadt war ansonsten vom Jubiläum kaum etwas zu spüren; die Presse berichtete, wie private Stichproben am Kiosk ergaben, nicht gerade breit, aber doch wohlwollend.  Immerhin gab es aus Anlass der Feier von 1000 Jahren Christianisierung eine beeindruckende Ausstellung mit Meisterwerken der russischen Ikonenkunst-ausschließlich auf Russisch beschriftet. Ich war trotz allem froh, als ich in der Lufthansa- Maschine saß, die mich nach Frankfurt zurückbrachte.

 

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