Abenteuer im Beruf: Kazimierz Majdanski

Dr. phil. Norbert Stahl (87) war mehr als 30 Jahre Leiter der KNA-Landesredaktion Bayern in München und zwischenzeitlich KNA-Chefredakteur. Ein besonderes berufliches Abenteuer war für ihn die Begegnung mit dem polnischen KZ-Opfer Kazimierz Majdanski, dem späteren Erzbischof von Stettin. Hier seine Schilderung:

975 kam es zu einem spektakulären Prozess vor dem Münchener Schwurgericht, in dem der ehemalige SS-Arzt und Sturmbannführer Dr. Heinrich Schütz angeklagt war und verurteilt wurde wegen erwiesener Beihilfe bei elf Priestermorden im KZ Dachau. Jahrelang hatte er wie ein Schuldloser unter uns gelebt und war seinem Beruf als Internist nachgegangen. In einer wochenlang dauernden Beweisaufnahme stellte das Gericht fest, dass der SS-Arzt im Lager Dachau Leiter der sogenannten Phlegmone- und Sepsis-Versuche war, bei denen insgesamt 40 Geistlichen, vorwiegend polnischer Nationalität, Eiter injiziert wurde, um verschiedene, teilweise unwirksame Behandlungsmethoden zu erproben.

Die bei diesen pseudomedizinischen „Versuchen“ Getöteten starben langsam und unter unmenschlichen Qualen. Um das Ergebnis möglichst lange beobachten zu können, waren dazu hauptsächlich Häftlinge in gutem körperlichem Zustand ausgewählt worden. Die Versuche waren von dem Reichsführer SS Heinrich Himmler angeordnet worden. Hierbei sollten vor allem die damals aufkommenden Sulfonamide in ihrer Heilkraft getestet werden.
Hauptzeuge des Schwurgerichtsprozesses war der 59-jährige polnische Weihbischof Kazimierz Majdanski. Er war selbst Opfer des SS-Arztes gewesen und hatte den „Versuch“ nur überlebt, weil ein deutscher KZ-Betreuer ihm heimlich Sulfonamide zugesteckt hatte, während andere unwirksame „Mittel“ erhielten, was ihren sicheren Tod bedeutete.
Majdanski begründete sein Erscheinen vor Gericht u. a. damit, dass er das den Opfern des Konzentrationslagers Dachau schuldig sei. Der polnische Weihbischof (und spätere Erzbischof von Stettin) erklärte, dass er für sein Kommen jegliche Motive von Hass und
Rache ausschließe. Schon vor Jahren habe er „allen verziehen“. Majdanski bezog sich in seiner persönlichen Erklärung, um die er das Gericht bat, ausdrücklich auf die Versöhnungsbotschaft der polnischen und deutschen Bischöfe und bekräftigte seine Haltung
schließlich dadurch, dass er mit den Worten „Mein Herr, wir können uns doch in die Augen sehen“ auf den Angeklagten zuging und ihm die Hand reichte. Das Gericht beeindruckte er vor allem mit der Feststellung, dass die „Unantastbarkeit des Menschen in seinem heiligen Recht auf Leben“ die Grundlage der sozialen Ordnung sei. Aufgabe der Ärzte sei es zu heilen und nicht zu verletzen und zu töten.
Schütz wurde zu zehn Jahren Freiheitsentzug verurteilt. An dem Prozess hatte ich als Berichterstatter der KNA teilgenommen, was Majdanski erfuhr. Er trat in einer Verhandlungspause auf mich zu, begrüßte mich und äußerte den Wunsch, zusammen mit der Ärztin, die ihn begleitete, meine Familie kennenzulernen. Ich rief daraufhin meine Frau an und sagte ihr, sie möge etwas zu essen zaubern. Ich brächte am Abend einen polnischen Bischof nebst Begleiterin mit. Es wurde ein ganz und gar unverkrampftes, fröhliches Beisammensein. Majdanski blieb der einzige Bischof, der mich zuhause besucht hat.
An dem Prozess hatte kein Vertreter des Erzbischöflichen Ordinariates teilgenommen. Jedoch empfing Kardinal Döpfner den polnischen Gast.

 

 

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