Abenteuer im Beruf: Gehen wie ein Yak

Sven-Hendrik Hahn  ist beim ZDF-Wirtschaftsmagazin WISO Experte für digitale Innovationen. Ganz „analog“ begab er sich auf eine Reportage-Reise durch den Himalayastaat Nepal: 

Vor mir geht die Sonne auf über der Annapurna-Bergkette - Felsen, deren Gipfel bis zu 8000 Meter hoch sind. Der Kontrast hätte größer kaum sein können. Zwei Wochen zuvor saß ich in Barcelona. Der Mobile World Congress, die Leitmesse für alles rund ums mobile Leben, hat gerade begonnen. Meine Beiträge für die heute-Nachrichten, WISO sowie die Service-Strecken im ZDF sind gut in Mainz angekommen. Da erreichen mich auch die ersten Mails aus Deutschland. Zusagen und Absagen.

Ich musste nämlich Klinken putzen, reihenweise Redaktionen von Zeitungen und Zeitschriften anschreiben und fragen, ob sie einen Artikel von mir drucken würden. Nach knapp zwanzig Jahren im ZDF mit festen Redaktionen war das ungewohnt. Ich hatte es von vornherein als Nebentätigkeit geplant - das gab mir Freiheit. Mein Thema: Die Folgen des Erdbebens in Nepal im Jahr 2015, einem bitterarmen Land. Dabei half mir das Netzwerk der GKP und des ifp: Ich blätterte die Adressbücher durch nach Ansprechpartnern. Das funktionierte, etwa beim Liboriusblatt, beim Donaukurier oder bei der Verlagsgruppe Rhein-Main: Kontakte sind alles; ohne Kontakte gab es meist nicht mal eine Antwort - das Los der Freien?  
Von Anfang an war klar, dass ich über die Reise schreiben möchte. Eine Reportage auf Papier oder Online statt eines Films. In Kathmandu trifft man schnell auf Spuren des verheerenden Erdbebens. Kaum eine Straße, in der die Menschen nicht von eingestürzten Wohnblöcken und Opfern erzählten. Kathmandu: ein Moloch mit Millionen Menschen, in dem Abgase das Atmen schwer machen. Ein Schmelztiegel der Konfessionen. Die Menschen: freundlich und unaufdringlich, mit Respekt und Interesse.
Eine meiner Stationen war ein Kinderheim nahe Kathmandu. Dort traf ich Suchitra, die inzwischen eine Klasse übersprungen hat. Die Mutter hätte das Schulgeld nicht zahlen können. Das ermöglicht eine Familie aus der Schweiz. Der Staat ist nicht in der Lage, seine Kinder adäquat auszubilden. Dieses Bild verstetigt sich auf der Reise: Ein Durchgangsdorf auf der Fahrt nach Pokhara baut die Schule mit Hilfe von Spenden wieder auf. Ohne diese  wüchse eine weitere verlorene Generation heran.
Auf meiner Reise quer durchs Land bis hinauf zur Annapurna-Bergkette lernte ich viel über die Mentalität: „Lerne gehen wie ein Yak“, belehrt mich der Bergführer Khadananda Barakoti: „Der Yak geht immer Schritt für Schritt und blickt nie zu weit nach vorn“, ist seine Devise.
Die Ansagen aus den Redaktionen waren hilfreich: Eine Reisereportage über den Trek zum Annapurna Base Camp, ein Feature über die Kinder, sowie ein Blick auf die Spuren, die das Erdbeben hinterlassen hat. Für die Art des Reisens war die journalistische Arbeit unschätzbar wichtig: dutzende Seiten mit Notizen, hunderte Fotos und Gespräche, die ich ohne den Anspruch des Schreibens nie geführt hätte. Das tröstet über eine andere Erkenntnis hinweg: Kosten, Aufwand und Honorar stehen in keinem Verhältnis, zumal ich alle Erträge für die erwähnte Dorfschule gespendet habe. Die Erlebnisse in Nepal waren es wert, ich hoffe, ich kann es wiederholen.

 

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