Journalistische Autonomie
Ministerpräsidenten sollten überhaupt nicht in Verwaltungsräten von öffentlich-rechtlichen Sendern sitzen und über die Verträge eben der Journalisten entscheiden, die anschließend wieder kritisch über sie berichten sollten. Dieser Forderung von F.A.Z.-Mitherausgeber Frank Schirrmacher lässt sich leicht zustimmen. Gerade in einer Zeit, in der sich Bürger schwer tun mit den Parteien. Da ist es konsequent, die Einmischung der Politik bei der erneuten Berufung von ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender kritisch zu sehen. Die Frage des Einflusses der Politik auf das Fernsehen und auf die Medien insgesamt, entscheidet sich aber nicht einzig daran, ob der hessische Ministerpräsident Koch sich gegen eine erneute Berufung Brenders ausspricht. Denn in der Vergangenheit störten sich nur wenige daran, dass Posten bei ARD und ZDF schön abwechselnd an Journalisten mit schwarzem oder rotem Ticket vergeben wurden. Wie wäre es, wenn eine solche Postenvergabe nicht nur bei Intendanten und Chefredakteuren einmal der Vergangenheit angehören würde?
„Es geht um die Gefahr eines Eingriffs in die DNA, in das Erbgut, des Senders“, sagte Schirrmacher bei der Verleihung des Hanns-Joachim-Friedrichs-Preises für Fernsehjournalismus, der Brender verliehen wurde. „Es geht um die Demarkationslinie zwischen Journalismus und politischer Macht.“ Zu recht verwies Schirrmacher auf die Berliner Runde am Abend der Bundestagswahl 2005, als Brender Bundeskanzler Schröder in die Schranken gewiesen hatte. Nicht nur, weil seine Elefantenrunde inzwischen Kult ist bei You- Tube, habe Brender nun diese Auszeichnung verdient: „Anders als bei anderen Fällen, in denen das öffentlich- rechtliche Fernsehen unter den Druck der Politik gerät, wurde hier der Zuschauer zum Zeugen journalistischer Autonomie.“
Welche Würze hätte beispielsweise der Wahlkampf 2009 erhalten, wenn es ähnliche Zeugen journalistischer Autonomie gegeben hätte? „Doch viele Journalisten, nicht nur beim Fernsehen, stellen sich überhaupt nicht mehr die Aufgabe, klüger zu fragen, damit Politik für alle verständlicher und spannender wird: Sie sehen ausschließlich die politischen Akteure in der Bringschuld und werfen sich in die Pose der eigentlichen Vertreter des Volkes. Der […] Wahlkampf in einem der dramatischsten Krisenjahre der Republik war den Medienschiedsrichtern nicht aufregend genug“, beklagte Susanne Gaschke in einer Medienschelte in der „Zeit“. Kernaufgabe aller Journalisten ist es, kritische Fragen zu stellen. Denn journalistische Unabhängigkeit zeigt sich nicht nur bei der Berufung eines neuen Chefredakteurs. Sie sollte eine Herausforderung aller Journalisten bei der täglichen Arbeit sein.
Bernhard Rude
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